Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Dienstag, 19. April 2016

Die Sängerin Charlotte Viereck (1877-1956) - Bilder aus ihrem Leben




Charlotte Viereck als Marschallin im Rosenkavalier, 1925 Staatsoper Dresden

Es zählt zu den herausragenden Erlebnissen eines Sammlers, wenn ihm exklusiv besondere Materialien über Künstler zur Verfügung gestellt werden. So erging es mir nach meinem Artikel über Charlotte Viereck, als mich die Urenkelin der Sängerin anschrieb und mir später umfangreiches Bildmaterial und Erinnerungen der Familie über die Künstlerin zur Verfügung stellte. Auch wenn sie aufgrund des zeitlichen Abstandes viele Fragen nicht mehr beantworten kann, ergeben sich doch neue Erkenntnisse und Informationen über die Sängerin. So kann ich nun einen Abriss über die Lebensgeschichte und das Wirken von Charlotte Viereck geben, wie er bisher noch nicht bekannt war. Leider besitzen die Nachfahren von Charlotte Viereck keine Tonaufnahmen mehr von der Künstlerin, so dass sich hier keine neuen Erkenntnisse ergeben. Dennoch kann ich die meisten der wenigen bekannten Aufnahmen in meinem Blog präsentieren. (siehe HIER ).

Frühzeit

Das Sängerlexikon geht davon aus, dass Charlotte Viereck um 1891 geboren wurde. In Wirklichkeit wurde Charlotte Pauline Louise Viereck aber bereits am 21.August 1877 geboren. Über die frühen Jahre ist nicht viel bekannt. Sie heiratete sehr früh Heinrich Kimpel. Ein Foto  von ca. 1899 zeigt sie als sehr junge und hübsche Frau mit ihrem Ehemann. Er hält in der Hand eine lange Tabakspfeife. Aus einer Aufschrift auf der Rückseite des Bildes geht hervor, dass er Architekt war.


Ehepaar Viereck-Kimpel ca. 1899

Das nächste datierte Foto stammt aus Potsdam von 1905.





Aus dem Sängerlexikon wissen wir, dass sie 1915 am Opernhaus in Posen debütierte und dort bis 1918 (nach den Fotos eher bis 1919) beschäftigt war. Warum sie erst mit 38 Jahren debütiert haben soll ist rätselhaft. Eventuell sang sie schon länger, vielleicht auch an einem anderen kleineren Opernhaus. Denn die Rollen, die auf den Fotos aus Posen dokumentiert werden, sind oft hochdramatische Partien - einer 38-jährigen angemessen, aber nicht einer unerfahrenen Sängerin.



Charlotte Viereck-Kimpel als Isolde in Posen 1918



Bildstudie: Kundry in Parsifal aus Posen 1919
Die folgenden beiden Bilder stammen nach den Vermerken auf den Rückseiten der Fotos aus der heute vergessenen "Fantastisch-symbolischen" Oper "Eros und Psyche" des polnischen Komponisten Ludomir Aleksander Różycki , die am 10.II.1917 in Breslau uraufgeführt wurde und wohl auch im gleichen Jahr in Posen gegeben wurde.



Charlotte Viereck-Kimpel in "Eros und Psyche" 1

Charlotte Viereck-Kimpel in "Eros und Psyche" 2

Die Zeit an der Dresdner Staatsoper (1919-1928)


1919 wurde Charlotte Viereck an die Dresdner Staatsoper verpflichtet. Wie aus ihrem Rollenverzeichnis hervorgeht, geschah dies zunächst als Gast und dann ab  dem 1.VIII.1919 offiziell als Mitglied der Oper. Zunächst sang sie als Gast die Leonore in Fidelio und die Amelia im Maskenball, dann regulär die Berthalda in Undine, die Donna Elvira im Don Giovanni und die Giulietta in Hoffmanns Erzählungen. Als vierte Rolle kam die Färbersfrau in "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss dazu.

Dazu ist zu sagen, dass die Oper von Strauss am 10. Oktober 1919 in Wien uraufgeführt wurde. Die Premiere in Dresden fand am 22. Oktober statt. Danach wurde die Oper in Dresden nur noch 2 mal, nämlich am 1. und am 3, November 1919 gegeben. Friedrich von Schuch schreibt dazu in seinem Buch "Richard Strauss, Ernst von Schuch und Dresdens Oper" (1951 bzw. 2. Aufl. 1953):

Bald nach Beendigung des Krieges, am 10. Oktober 1919 erlebte diese Oper (= Die Frau ohne Schatten) in Wien ihre glanzvolle Uraufführung, der am 22. Oktober 1919 die Dresdner Erstaufführung folgte, die allerdings unter einem ungünstigen Stern stand trotz ausgezeichneter Besetzung (Fritz Vogelstrom, Elisabeth Rethberg, Friedridch Plaschke, Eva von der Osten, Ottilie Metzger-Lattermann), da technische Schwierigkeiten nicht ganz zu überwinden waren. Strauss war darüber jedenfalls so verstimmt,, daß er sich zunächst völlig ablehnend verhielt, als im Jahr 1921 der neue Generalintendant (...) Dr. Reucker sich um die Uraufführung seiner nächsten Schöpfung bewarb. Es bedurfte langer zäher Bemühungen, um Strauss zu überzeugen (...) , daß Zwischenfälle wie bei der "Frau ohne Schatten"! ausgeschlossen  seien. (S. 123)

Charlotte Viereck war also bei der Besetzung der Erstaufführung nicht dabei und kann daher die Rolle der Färberin bestenfalls zweimal im November 1919 gesungen haben. Vielleicht hat sie die Rolle auch nur einstudiert und war die Zweitbesetzung, die wegen des Mißerfolges der Oper nicht mehr zum Zuge kam. Solange nicht die Programmhefte vom 1. und 3. November 1919 aus der Dresdner Oper auftauchen, kann man diese Frage nicht beantworten.

Fidelio 1919

1920 brachte für sie die folgenden Rollen: Leonore in Fidelio, Irene in Rienzi, Venus im Tannhäuser und die Senta im Fliegenden Holländer. Als weitere Wagner-Rolle gab es noch die kleinere Partie der ersten Norne in der Götterdämmerung. Hinzu kamen zwei Dresdner Uraufführungen von zeitgenössischen Opern, die heute vergessen sind. Am 23. Februar 1920 wurde "Der Fremde", eine "phantastische Oper" von Hugo Kaun in Dresden uraufgeführt, wo sie die Rolle der Godiva sang. Als zweite Premiere gab es die Oper "Schirin und Gertraude" von Paul Graener (Uraufführung am 28. April 1920), wo sie die Gertraude sang. Es ist möglich, aber nicht sicher, dass Charlotte Viereck jeweils in der Uraufführung sang. Das Sängerlexikon erwähnt sie nicht und gibt lediglich an:

Schirin und Gertraude von Paul Graener, 28.4.1920 Dresden mit Friedrich Plaschke • Eva Plaschke-von der Osten • Grete Merrem-Nikisch, Dirig. Fritz Reiner.
[Anhang: Opern. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 28643 (vgl. Sängerlex. Bd. 5, S. 0) (c) Verlag K.G. Saur]

Über die Oper "Der Fremde" findet sich kein Eintrag.

Irene in Rienzi



Im Jahr 1921 gab es die Rollen der Valentine in den Hugenotten, der Selika in der Afrikanerin, der Martha im Evangelimann, der Elsa in Lohengrin sowie als Reprise die der Berthalda in Undine. Hinzu kam die kleinere Rolle der ersten Dame in der Zauberflöte. 

1922 brachte die Rezia in Webers Oberon, die Senta und wieder die Erste Norne sowie die 1. Engelsstimme in Pfitzners Palestrina. Wenn in der Oper auch nicht viel zu tun für sie war, machte sie doch in diesem Jahr ihre erhaltenen Aufnahmen bei der Firma VOX, die es uns heute erlauben, einen Eindruck von ihrer Stimme zu bekommen. Diese Platten wurden allerdings erst 1924 und 1925 von der Firma VOX veröffentlicht.

Charlotte Viereck als Amelia in Verdis Maskenball 1


1923 sang sie die Martha in Eugen d'Alberts Tiefland, Irene in Rienzi, Venus im Tannhäuser, die Tosca sowie dei Königin in Marschners Hans Heiling. Ausserdem sang sie die Amelia im Maskenball. Eine weitere Angabe in ihrem Rollenverzeichnis für 1923 ist schwer lesbar. Es scheint sich auf eine Oper namens "Ipsar" von "Mruczek" zu beziehen - vermutlich eine der vielen heute vergessenen Erstaufführungen, die sich nicht halten konnten und über die ich kein Material fand.


Charlotte Vierck als Venus.
Auschnitt aus DIE MUSIK, März 1923

Als Amelia 2

Im Jahr 1924 gab es eine Neuauflage des Don Giovanni, wo sie diesmal die Donna Anna sang. Die Kostüme wurden vom Maler Max Slevogt gestaltet.

Charlotte Viereck als Donna Anna 1

Charlotte Viereck als Donna Anna 2 (1924)
In der Deutschen Fotothek finden sich einige Fotos der Bühnenbilder, darunter auch ein Bild von Charlotte Viereck als Donna Anna mit dem Tenor Max Hirzel als Don Ottavio aus dem ersten Bild.

http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/87601035


Ausschnitt aus: http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/87601035

Weitere Rollen im Jahr 1924 waren die Ortrud im Lohengrin (mit Friedrich Plaschke als Telramund), Senta, Fidelio, Martha im Evangelimann und Giulietta in Hoffmanns Erzählungen. Als neue Rolle kam die Santuzza in der Cavalleria Rusticana hinzu.

In einem der vorigen Jahre war die Ehe mit Heinrich Kimpel geschieden worden, und sie heiratete am 15.04.1924 in zweiter Ehe den Schauspieler Heinrich Bernecker. Die Ehe währte nur acht Jahre, weil Heinrich Bernecker am 13.12.1932 verstarb.

1925 sang sie nur noch zwei Rollen, nämlich die Santuzza in der Cavalleria und die Marschallin im Rosenkavalier. Offiziell schied sie zum 05. Juli 1925 aus der Dresdner Oper aus. Warum der Vertrag endete, kann man nur mutmaßen. Immerhin war sie 1925 bereits 48 Jahre alt, und es gab ein starkes Ensemble und damit eine große Konkurrenz in dem Fach, das sie gesungen hat. Mit Elisa Stünzner, Grete Merrem-Nikisch, Elisabeth Rethberg und der 1925 neu verpflichteten Meta Seinemeyer standen jüngere Sängerinnen bereit, die viele der Rollen von Charlotte Viereck auch im Repertoire hatten.

Immerhin wurde sie noch die nächsten drei Jahre öfters als Gast verpflichtet. Dies mag ein Hinweis darauf sein, welche ihrere Darstellungen besonders geschätzt wurden oder auch für welche Rollen keine adäquaten Sängerinnen aus dem Ensemble zur Verfügung standen. Die Marschallin im Rosenkavalier übernahm sie 1926, 1927 und 1928. Hinzu kamen 1926 und 1927 die Irene im Rienzi, 1927 die Amelia im Maskenball, 1927 und 1928 die Venus im Tannhäuser und die Senta im Fliegenden Holländer sowie 1928 die Tosca.

Dann unterrichtete sie noch am Dresdner Konservatorium eine Gesangsklasse, wie eine Konzertankündigung von 1930 zeigt.

Konzertprogramm Dresdner Konservatorium vom 20.März 1930 (Ausschnitt)

Irgendwann in dieser Zeit war sie Mitglied im "Berliner Oratorien-Quartett", vermutlich ein Zusammenschluss von Sängern, mit dem sie Soloauftritte in Konzerten bestritt. Wer die anderen Mitglieder waren, weiß ich nicht, Es kann auch sein, dass sie in dieser Formation in Konzerten aktiv war, BEVOR sie ihre Opernkarriere begann.

Berliner Oratorien-Quartett (vorne links Charlotte Viereck)







Charlotte Viereck, ca. 1930


Nach der Karriere (1932-1945)

1932 starb ihr zweiter Ehemann Heinrich Bernecker. Um diese Zeit beendete sie ihre Karriere und "erhielt (...) einen Ruf an den Sachsenhof in Bad Elster/Vogtland", wie ihre Enkelin schreibt. Sie fährt fort: "Der Sachsenhof war zu Friedenszeiten ein Hotel, wurde aber im Kriege, wie viele andere auch, ein Lazarett. Sie (=Charlotte Viereck) wohnte dort mit ihrer Mutter. Durch die Kriegswirren beschloss die Familie, dass wir, meine Mutter und ich, ebenfalls nach Bad Elster gehen sollten. (...) Meine Großmutter (=CV), ihre Mutter, meine Mutter und ich lebten nun ein bisschen näher zusammen im Sachsenhof. 1943 starb meine Urgroßmutter in ihrem 91. Lebensjahr. Nun - es war Krieg und es war alles nicht so einfach! Ich allerdings kann mich an eine spannende und interessante Zeit erinnern. Es war ja eine sehr ernste und schwierige Zeit, aber trotzdem oder gerade deswegen wurde bei uns viel musiziert, gelesen und gesprochen. Es gab schließlich auch einen herrlichen Bechstein-Flügel bei uns und meine Mutter (=CVs Tochter) war eine leidenschaftliche Buchhändlerin. Bei uns waren sehr häufig "tolle" Leute zu Gast."



Charlotte Viereck mit Tochter am Bechstein-Flügel, Aufnahmedatum ca. 1922



1934 im Sachsenhof mit Gästen. Charlotte Viereck im Fenster links, in der Mitte vermutlich ihre Mutter







1940 war der Sachsenhof bereits Lazarett oder Erholungsheim für Soldaten. CV in schwarzem Kleid mit Tochter, Enkelin und Kindermädchen und Soldat Geilsdorf



Heute ist der Sachsenhof eine Fachklinik


1945-1956


Die Enkelin schreibt weiter: " Und dann kam das Kriegsende! Ich erinnere mich sehr genau an den Einmarsch der Amerikaner. Aber die blieben nicht lang. - Die Russen kamen und blieben! und damit begann für unsere Familie eine Zeit, die noch ein bisschen schwerer zu meistern sein sollte. Wir wurden sozusagen aus dem Sachsenhof gejagt und bei Leuten, die uns nicht kannten, untergebracht. Das geschah ja damals viel. Wie wurden bei einer Großfamllie in einer Kellerwohnung einquartiert.
Den Flügel durften wir erstaunlicherweise mitnehmen, als eins der wenigen Stücke, die uns blieben überhaupt.Wie gesagt, der Flügel kam mit, fand aber nirgends Platz. So landete er erst einmal für längere Zeit hochkant in einem sehr schmalen Schuppen.
All diese Begebenheiten trugen dazu bei, dass meine Großmutter, mittlerweile 68 Jahre alt, krank wurde und oft ins Krankenhaus gehen musste. Schwierigere Operationen konnte sie das eine oder andere mal besser durchstehen dank ihrer lange erlernten Atemtechnik, die sie ja für ihren Beruf hatte erlernen müssen. Am 29.10.56 verstarb sie dann, allein lebend, in dieser Kellerwohnung."

Die Enkelin und ihre Mutter waren bereits 1947 nach Westdeutschland übergesiedelt. aber Charlotte Viereck konnte sich dazu zunächst nicht entschließen und konnte später nicht mehr ausreisen, weil Bad Elster im sogenannten Uran-Sperrgebiet lag, was wegen des Uranabbaus in der Nähe (für Atomwaffen) vom russischen Militär abgeriegelt war und wo Reisen und Kontakte besonders limitiert waren. So konnten die Enkelin und ihre Mutter auch nicht an der Beisetzung von Charlotte Viereck teilnehmen.



Charlotte Viereck, Altersbild

Das letzte bekannte Foto mit dem Maler Hermann R.O. Knothe aus Bad Elster (mit Widmung vom 29.III 1955 von diesem)

Sterbeurkunde von Charlotte Viereck und ihrem 2. Ehemann

Weitere Bilder kann man in meinem anderen Blog zu sehen bekommen. Dort werden sämtliche Bilder und Texte, die ich von der Familie bekommen habe und von denen hier nur eine Auswahl gezeigt wurde, vorgestellt. Außerdem findet sich dort ein komplettes Rollenverzeichnis, das sie einst für die Staatsoper Dresden erstellt hat. Die Links dahin (der Artikel wurde wegen der Länge in zwei Teile aufgeteilt):

Teil 1:
http://operaonpaper.blogspot.de/2016/04/materialien-und-bilder-zum-leben-der.html
Teil 2:
http://operaonpaper.blogspot.de/2016/04/materialien-und-bilder-zum-leben-der_30.html


Charlotte Viereck, 1920, als Godiva in Hugo Kauns Oper "Der Fremde"

Above you find the biography of the German singer Charlotte Viereck, which was assembled by me from materials which the granddaughter of her has sent to me. The complete photos with all the inscriptions on the backs are published in my other blog. Here you can find a complete list of her roles and dive even more deeper into the life of Charlotte Viereck. The links:

Part 1:
http://operaonpaper.blogspot.de/2016/04/materialien-und-bilder-zum-leben-der.html
Part 2:
http://operaonpaper.blogspot.de/2016/04/materialien-und-bilder-zum-leben-der_30.html

Kommentare:

  1. Grossartig! I have no records from her, but I'm very glad with this very beautiful biography you wrote. Thanks, Emilio!

    AntwortenLöschen
  2. "Ipsar" by "Mruczek" would likely be IKDAR by Joseph Gustav Mraczek!

    AntwortenLöschen
  3. Your activities - currently penance ...

    AntwortenLöschen