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Sonntag, 26. Mai 2013

Vergessene Wiener Operette - Aufnahmen von 1903 - 1909






"Vergessene Operette" war der Titel einer Rundfunksendung aus der Serie "Schellack-Schätzchen", die im Dezember 2011 im Westdeutschen Rundfunk (WDR 4) gesendet wurde. Sie brachte Aufnahmen aus Wiener Operetten, die ausnahmslos ihre Premieren vor 1906 hatten und heute meist völlig vergessen sind. Der Sender WDR hat in der Vergangenheit immer wieder das Andenken von Sängern von damals wachgehalten und historische Aufnahmen gesendet. Noch vor ca. 15 Jahren gab es viele Gedenksendungen und eine Sendereihe "Resonanzen", die regelmäßig Sängerportraits brachte. In den letzten Jahren wird es, passend zum Tempo der Zeit, immer weniger. Die genannte Sendung war jedoch eine seltene Ausnahme und sehr gelungen. Ich habe sie mitgeschnitten und möchte sie nun hier präsentieren. Der Autor der Sendung gab mir die diskografischen Angaben, so dass hier im Vergleich zur gesendeten Fassung noch ein Mehrwert für den Sammler gegeben ist.

Leider kenne ich mich wenig mit Operette aus, weil ich diese Gattung in der Vergangenheit nie sehr geschätzt habe. Ich fand die aufgesetzte Fröhlichkeit, die gurrenden Soubretten und das ständige Alkoholtrinken und Tanzen im Dreivierteltakt nervig und hörte lieber Wagner oder Beethoven-Sonaten. Mittlerweile kann ich das Genre jedoch mehr schätzen. Dies liegt auch daran, dass die frühen Aufnahmen uns einen Rückblick in die Zeit geben, in der sie entstanden sind, und zeigen, wie die Leute damals dachten, fühlten, lebten und feierten. Ich glaube, dass die Operette eine Art Massenvergnügen war, dessen Niedergang ziemlich genau dann einsetzte, als die Leute anfingen, ins Kino zu gehen. Dass die Operette im Deutschland der 50er und 60er Jahren wieder sehr geschätzt wurde, hat sie mir verdächtig gemacht, und ich habe beobachtet, dass viele bürgerliche Deutsche die ständigen Sonntagskonzerte mit Operettenmusik genauso konsumierten wie Schlager: als Möglichkeit, aus dem Alltag und einer politisch engen Welt in ein Traumland zu fliehen, das in der (späten) Nachkriegszeit völlig anachronistisch war.

Wie immer man dazu steht, die Aufnahmen sind faszinierend und teilweise sogar politisch. Sie führen uns zurück in eine Welt, die es heute nicht mehr gibt. Zuletzt sei noch daran erinnert, dass viele jüdische Künstler, die am Aufstieg und Erfolg der Operetten beteiligt waren, später verfolgt und ermordet wurden.

Auf der Liste sind in der Regel sowohl das Jahr der Erstaufführung der Operette angegeben als auch das Aufnahmejahr. Manchmal ist beides identisch. Die Ansagen sind ebenfalls mitgegeben. Wenn sie stören, kann man sich mit wenig Mühe eine bereinigte Playlist zusammenzustellen, indem man die Tracks mit den Ansagen weglässt. Andererseits bekommt man eine Menge interessanter Informationen, die anderweitig nicht leicht zu finden sind.



Vergessene Wiener Operette (Uraufführungen vor dem 1. WK)
Sendung vom WDR Dez. 2011
  1. Intro
  2. Die Mizzi und der Jean (Wien bei Nacht – Jos. Helmesberger jun.) – Mizzi ZWERENZ und Arthur GUTTMANN (1905) G&T 44464 (6627 3/4 b)
  3. Ansage
  4. Reporterlied (Fatinitza  (1876) Franz von Suppé) – Louis TREUMANN (Tenor), Alfred Grünfeld (Klavier) (1903) G&T 2-42577 (755 z)
  5.  Ansage
  6. Entrée des Ottmar (Die sieben Schwaben (1887)- Carl Millöcker) Karl STREITMANN (Tenor) 1907 Favorite 1-25261 (3877-o-)
  7. Ansage
  8. Matrosenlied (Der arme Jonathan (1890) – Carl Millöcker) - Karl MEISTER (Tenor) Odeon 1905 Odeon 38179 (Vx 708)
  9.  Ansage
  10. Der Bureaukrat thut seine Pflicht (Der Obersteiger -Karl Zeller)  Alfred HAUCK (Tenor) 1903 G&T 2-42681 (1144 z)
  11.  Ansage
  12. Colibri-Terzett (Der Lebemann (1903) - Alfred Grünfeld) – Dora KEPLINGER, Frl. ORTMANN, Mizzi SWOBODA, Alfred Grünfeld, Klavier 1903 G&T 44207 (737 1/2 z)
  13. Ansage
  14. Ich bin ein Weiber‘l, ein herzig’s Täuberl (Der Generalkonsul  (1904)  - Heinrich Reinhardt) – Gusti FÖRSTER (Sopran), Oscar BRAUN (Tenor), Orch. Ltg. Bruno Seidler-Winkler G&T 44453   (2521 L)
  15. Ansage
  16. Siegfried-Walzer (Die lustigen Nibelungen (1904)- Oscar Straus) – Willy BAUER (Tenor) 1906 Odeon 25736 (Vx 1403)
  17. Ansage
  18. Quintett (Die Juxheirat (1905) - Franz Lehar) – Mila THEREN, Philla SIEGMANN-WOLF (Sopran), Karl MEISTER, Carlo BÖHM, Alexander GIRARDI (Tenor) G&T 044051 (447 1/2 c)
  19. Ansage
  20. Bettler-Duett (Vergelt’s Gott (1905)- Leo Ascher)  Mizzi GÜNTHER (Sopran), Louis TREUMANN (Tenor)  G&T 2-44084 (4168 L)
  21. Marsch-Duett (Vergelt’s Gott (1905)- Leo Ascher)  Mizzi GÜNTHER (Sopran), Louis TREUMANN (Tenor) G&T 2-44119 (4169 L)
  22. Ansage
  23. Nun lachst Du mir wieder, flüchtiges Glück - Walzerlied des Suleiman (Tausendundeine  Nacht (1906) Johann Strauss, bearb. Ernst Reiterer) – Oscar BRAUN (Tenor) 1906 Lyrophon 432 (432-I)
  24. Ansage
  25. Gassenbubenlied (Künstlerblut (1906)- Edmund Eissler) - Mizzi ZWERENZ (Sopran), Alexander GIRARDI (Tenor) G&T 2-44154 (8973 u)
  26. Frisches Seemannsblut (Die Geisha (1896) - Sidney Jones) - Fritz WERNER (Tenor) Odeon A. 43305 (xBo 3042) 1909 (unvollständig/incomplete because of end of broadcast)
  27. Bonus Track from my collection: Schwips-Duett  (Wien bei Nacht – Jos. Helmesberger jun.) – Mizzi ZWERENZ und Arthur GUTTMANN (1905) G&T 44465 (6628 b), Reverse side from No. 2







Here you find a braodcasting from German radio (WDR) about "Forgetten (Viennese) Operetta". It includes only recordings from 1903 to 1909, often with creator records. In the list the date of the premiere is given just as the year of the recording. In some cases both are identical.
Below you find two chosen biographies of featured artists of whom I had a photo in my collection. Some of the jewish artists, just like Louis Treumann and probably Oscar Braun and Gusti Förster, were murdered in a concentration camp.




Treumann, Louis, Tenor, * 1.3.1872 Wien, † Juli 1944 (?) Theresienstadt; eigentlicher Name Ludwig Politzer. Er sollte ursprünglich Kaufmann werden, interessierte sich jedoch leidenschaftlich für das Theater und ging 1889 als Inspizient nach Laibach (Ljubljana). 1890-91 war er Chorist am Carl Schultze-Theater in Hamburg und trat dann nacheinader als Solist am Theater von Freiberg i. Sachsen (1891-93), am Stadttheater Heilbronn (1893-94), am Theater von Pilsen (Plzen, 1895-97), am Theater von Salzburg (1896-97) und am Theater von Graz (1897-98) auf. Als er in Graz engagiert war, entdeckte ihn der Direktor des Wiener Carl-Theaters Jauner und holte ihn 1899 an dieses Haus. Hier hatte er bis 1905 in einer Vielzahl von Operetten als Bonvivant und Charakterkomiker große Erfolge, wurde aber auch stets wegen seiner stimmlichen Begabung bewundert. Seine bekanntesten Rollen waren zu dieser Zeit der Josef in »Wiener Blut« von Johann Strauß (den er 1899 am Carl-Theater in der Uraufführung sang), der Wolf Baer Pfefferkorn in »Der Rastelbinder« und der Sosias in »Der Göttergatte« von Lehár, die er beide in den Uraufführungen dieser Operetten 1902 bzw. 1904 kreierte. 1901 wirkte er auch am Carl-Theater in der Uraufführung der Operette »Das süße Mädel« von Heinrich Reinhardt, 1904 in der von C.M. Ziehrers »Der Schätzmeister« mit. Weiter sang er in Millöckers »Bettelstudent«, in »Die Geisha« von S. Jones, im »Opernball« von Heuberger und in vielen anderen Operetten. Seine Karriere erreichte ihren Höhepunkt, als er am 30.12.1905 am Theater an der Wien in der Uraufführung der »Lustigen Witwe« von Lehár als Partner von Mizzi Günther die Partie des Danilo sang. 1905-08 war der Künstler am Theater an der Wien engagiert, 1909-11 am Johann Strauß-Theater in der österreichischen Metropole. Er wirkte in Wien in weiteren Operetten-Uraufführungen mit, so in »Die drei Wünsche« von Carl Michael Ziehrer (9.3.1901 Carl-Theater), »Die Dollarprinzessin« von Leo Fall (2.11.1907 Theater an der Wien), »Das Fürstenkind« von Lehár (7.10.1909 Johann Strauß-Theater), »Eva« von F. Lehár (24.1.1911 Theater an der Wien) und »Der kleine König« von E. Kálmán (23.11.1912 Theater an der Wien), dazu in weiteren Operetten von E. Eysler, M. Ziehrer und Leo Ascher. Am 27.7.1907 sang er am Hoftheater von Mannheim in der Uraufführung der Operette »Der fidele Bauer« von Leo Fall. 1914 übernahm er die künstlerische Direktion des Tivoli-Theaters in Bremen, 1916 war er in Berlin anzutreffen. Nach Kriegsende wurde trat er 1920-21 am Apollo-Theater in Wien auf und war dann wieder Mitglied des Carl-Theaters, wo er jetzt in »Die schöne Saskia« von Nedbal und in »Die Bajadere« von Kalmán (1922) großen Erfolg hatte. 1925 zu Gast in Zürich, 1926 letztmals in Wien am Carl-Theater in der Operette »Die Bojarenbraut« von Willi Engel- Berger zu hören. Während der Saison 1930-31 trat er nochmals am Berliner Metropol-Theater auf. In den dreißiger Jahren geriet der Sänger allmählich in Vergessenheit; seine jüdische Abstammung wurde ihm nach 1938 zum Verhängnis. Der hochbetagte Künstler wurde in das Getto Theresienstadt verschleppt, wo er wahrscheinlich im Juli 1944 umgekommen ist.

Schallplatten: Auf G & T sind fünf Duette mit Mizzi Günther überliefert, zwei aus der »Lustigen Witwe«, zwei aus »Eva« von Lehár, eins aus dem »Rastelbinder«. Insgesamt existieren über 40 Aufnahmen von seiner Stimme auf G & T, Zonophone (Wien, 1902), Odeon, HMV (hier auch noch elektrische Aufnahmen) und Polydor.
[Lexikon: Treumann, Louis. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 24453 (vgl. Sängerlex. Bd. 5, S. 3511 ff.) (c) Verlag K.G. Saur]





Meister, Karl, Tenor, * 1875 (?) Frankfurt a.M., † (?); er war zuerst als Küfergeselle tätig, begann daneben aber die Ausbildung seiner Stimme und wurde kurz vor der Jahrhundertwende als Chorist am Stadttheater von Kiel angestellt. Sein Solistendebüt erfolgte 1900 beim Operettentheater im Englischen Garten in Wien, und für die Saison 1900-1901 war er dann am Wiener Carl-Theater engagiert. Ein Kontraktbruch mit diesem Theater verursachte große Schwierigkeiten für ihn, denen er sich durch die Teilnahme an einer Operetten-Tournee durch Rußland 1901-02 entzog, wobei es auch zu Auftritten in St. Petersburg kam. In den Jahren 1902-08 war er am Theater an der Wien tätig; hier wirkte er in mehreren Operetten-Uraufführungen mit, darunter »Bruder Straubinger« von Edmund Eysler (1903, womit eigentlich das »Silberne Zeitalter der Wiener Operette« begann), »Wiener Frauen« von Franz Lehár (1902), »Die lustige Witwe« (1905 als Camille de Rossillon) und »Der Fremdenführen« von C.M. Ziehrer (1902). Bereits 1901 hatte er am Carl-Theater in der Uraufführung einer weiteren Operette von Ziehrer, »Die drei Wünsche«, gesungen. Er gastierte als Opernsänger am Opernhaus von Brünn (Brno) 1904 als Lohengrin, 1905 als Walther von Stolzing in den »Meistersingern«. 1908-10 war er am Carl Schultze- Theater Hamburg im Engagement, 1911-12 am Berliner Theater des Westens. Als Gast hörte man ihn am Deutschen Theater Brünn (Brno, 1905), am Deutschen Theater Prag (1907), am Central-Theater Dresden und am Theater am Gärtnerplatz in München. Gelegentlich trat er auch als Opernsänger in Erscheinung, so etwa als Lyonel in Flotows »Martha«. Zu Beginn der zwanziger Jahre leitete er das Theater von Wiener Neustadt, wo er auch noch als Sänger auftrat.
Schallplatten: Schleiffelder-Zylinder (Wien 1900), G & T (Wien 1904-06), Pathé (Wien 1905), Columbia (Wien 1906), HMV, Zonophone, Beka, Favorite, Homochord, Odeon, Parlophon.
 [Lexikon: Meister, Karl. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 16163 (vgl. Sängerlex. Bd. 3, S. 2315 ff.) (c) Verlag K.G. Saur]


Kommentare:

  1. Thanks a lot for this beautiful broadcast you share with us! Very interesting, and beautiful pictures as well!

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  2. Jetzt heruntergeladen. Vielen Dank!

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