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Dienstag, 10. Juli 2012

Bayreuth 1927


Meine derzeitige Lieblingslektüre


Ich lese seit einigen Wochen wie gebannt  in dem Buch von Spotts über die Geschichte der Bayreuther Festspiele – so gebannt, dass ich gar nicht dazu komme, neue Musik für mein Blog zu bearbeiten. Es ist faszinierend zu verfolgen, wie dieses Familienunternehmen immer durch die wechselhaften Zeiten der Geschichte kam. Bis 1945 waren es im wesentlichen  zwei starke Frauen, Cosima und Winifred, die die Geschicke lenkten, den Mythos aufrecht erhielten und dabei ab und zu auch noch wirkliche Kunst produzierten. Das zweite Buch, das ich bei der Lektüre immer zur Hand habe, ist das Verzeichnis der Besetzungen der Bayreuther Festspiele 1876-1960. Die meisten Menschen werden nicht verstehen können, dass diese Auflistungen von Jahreszahlen und Namen eine höchst spannende und die Phantasie anregende Lektüre sein kann. Als Sammler historischer Aufnahmen wird man bei der Lektüre immer wieder angeregt, die eine oder andere Aufnahme nachzuhören und sich den einen oder anderen Sänger, über den man gerade liest, ins Gedächtnis zu rufen.

A very thrilling book to read - but only when my music collection is at hand....

Eine der besten Editionen mit frühen Tondokumenten, die sich auf Bayreuth beziehen, erschien 2004 auf 12 CDs bei Gebhardt und ist mittlerweile vergriffen. Sie umfasst auch die Aufnahmen, die die Gramophone & Typewriter 1904 in Bayreuth in einem Hotelzimmer während der Festspielzeit aufnehmen ließ.


Die ersten umfangreicheren Mitschnitte aus Bayreuth erschienen 1927, als die Columbia ein gemischtes Programm mit Auszügen aus dem Ring und Parsifal mit drei verschiedenen Festspieldirigenten aufnahm. Diese beiden Werke waren in der Anfangszeit das Kernrepertoire der Festspiele. Andere Wagneropern kamen nur als einzelne und ausnahmsweise dazu. 1927 war es als einzige weitere Oper Tristan und Isolde, die aufgeführt wurde. 1928 wurde von der Columbia diese Oper ebenfalls in Auszügen mitgeschnitten. Dazu wird später noch mehr zu sagen sein. Für heute bringe ich hier die kompletten Aufnahmen von 1927. Sie enthalten Instrumentalmusik, Chorszenen und Ensembles. Der Bayreuther Chor war immer gerühmt und Weltklasse, während die Solisten nicht immer überzeugen konnten. So auch hier: die Walküren und Blumenmädchen sind nicht herausragend, während Alexander Kipnis und Fritz Wolff in der Szene aus dem Parsifal eine zeitlos gültige Interpretation abgeben.



Die Dirigenten wurden auch unterschiedlich beurteilt. Franz von Hoesslin, der die Ring-Ausschnitte leitet und im Jahr 1927 auch in Bayreuth den Ring dirigierte, wurde eher als Verlegenheitslösung angesehen. Kritiken bezeichnen die Aufnahmen als „underrehearsed“, d.h. die Interpretation war nicht ausgefeilt und in manchen Belangen etwas wackelig. Karl Muck hingegen war als Parsifal-Dirigent eine anerkannte Autorität, (ähnlich wie nach dem Krieg Hans Knappertsbusch). Er dirigiert die Blumenmädchen-Szene und die Verwandlungsmusik. Im Jahr darauf nahm er übrigens für Electrola (HMV) den kompletten 3. Akt aus Parsifal mit Gotthelf Pistor, Ludwig Hofmann und Cornelius Bronsgeest in Berlin auf.
Das Vorspiel zum 3. Aufzug und die Szene mit Alexander Kipnis und Fritz Wolff werden dirigiert von Siegfried Wagner, der zwar die Festspiele leitete,  in diesem Jahr 1927 aber gar nicht selbst in Bayreuth dirigierte. Vermutlich wurde er verpflichtet, damit er als Sohn Richard Wagners auch vorkam und um das ganze authentischer und besser verkäuflich zu machen.

Meine Meinung zu den Aufnahmen klang schon an: die Ring-Szenen sind verzichtbar, die Parsifal- Auszüge finde ich faszinierend und höre sie gerne, und die Szene mit Alexander Kipnis ist sogar großartig!


Bayreuth 1927 (Playlist)

Franz von Hoesslin (Dirigent):

1.  Einzug der Götter in Walhall (Rheingold)
Col. L 2016 / CLX 12524 (WAX 3002)

2.  Gesang der Rheintöchter (Rheingold)
Col. L 2016 / CLX 12524 (WAX 3003)
Rheintöchter: Maria Nézadal, Minny Ruske-Leopold, Charlotte Müller

3.  Walkürenszene (Walküre)
Col. L 2017 / CLX 12525 (WAX 3004-3005)
Walküren: Henriette Gottlieb, Ingeborg Holmgren, Maria Nézadal, Minny Ruske-Leopold, Charlotte Müller, Elli Sendler, Charlotte Rückforth, Maria Peschken

4.  Waldweben (Siegfried)
Col. L 2014 / CLX 12522 (WAX 3009)

5.  Vorspiel zum 3. Aufzug (Siegfried)
Col. L 2015 / CLX 12523 (WAX 3000)

6.  Siegfried durchschreitet das Feuer (Siegfried)
Col. L 2015 / CLX 12523 (WAX 3001)

Karl Muck (Dirigent):

7.  Verwandlungsmusik und Grals-Szene (1.Teil) (Parsifal)
Col. L 2007 / CLX 12515 (WAX 3010-11)

8.  Grals-Szene 2.Teil (Parsifal)
Col. L 2008-2010 / CLX 12516-12518 (WAX 3012-3017)

9.  Blumennmädchen-Szene (Parsifal)
Col. L 2011 / CLX 12519 (WAX 3018-3019)
Blumenmädchen: Anny Helm,  Ingeborg Holmgren, Maria Nézadal, Minny Ruske-Leopold, Charlotte Müller, Hilde Sinnek

Siegfried Wagner (Dirigent):

10. Vorspiel zum 3. Aufzug (Parsifal)
Col. L 2012 / CLX 12520 (WAX 3023-3024)

11. So ward es uns verhießen (Parsifal, 3. Aufzug)
Col. L 2013-2014 / CLX 12521-12522 (WAX 3020-3022)
Gurnemanz: Alexander Kipnis, Parsifal: Fritz Wolff

 DOWNLOAD


Alexander Kipnis in jungen Jahren (ca. 1920)


Here I give you for download the recordings from the Bayreuth Festival 1927. They are with the orchestra, soloists and chorus of the Bayreuth Festival. Franz von Hoesslin directed the Ring in that year and Karl Muck the Parsifal. The Ring recordings are average, the Parsifal recordings quite good and Kipnis is outstanding (in my humble opinion...).

It is also interesting to think about what could have been recorded and what was not. In that year  Friedrich Schorr sang Wotan in the Ring, alternating with Josef Correck, who left no recordings at all (although he was creator in Strauss-operas and in Dr. Faustus by Busoni). Siegmund was sung by Oskar Ralf, the elder brother of Torsten Ralf, and Sieglinde by Henny Trundt, who left no commercial recordings. Siegfried and Brünnhilde are better documented: they were sung by Lauritz Melchior and Nanny Larsen-Todsen. 

Josef Correck - unfortunately the former possessor of the foto used to punch his postcards to store them (shiver!)


Parsifal was sung by Fritz Wolff and Gotthelf Pistor, who later recorded the third Aufzug with Karl Muck in 1928. Kundry was sung by Barbara Kemp, Henny Trundt and Nanny Larsen-Todsen. 1927 was the only year, when Karl Hammes took part in Bayreuth and sang Gunther in the Götterdämmerung and Amfortas in Parsifal. He died as a soldier and pilot in 1939 and made only a handful of recordings. Alexander Kipnis alternated with Ivar Andresen as Gurnemanz to the Klingsors of Franz Egenieff (who also left only a few recordings) and Eduard Habich, who sang in Bayreuth Alberich 1911, 1912, 1914 and 1924-1931 and Klingsor 1912 and 1924-1927. Habich has also left not enough recordings to recognize his importance from today.

PS. In Bayreuth every year there were taken many photos of the participants by one or two local photographers. They were sold as postcards in small quantitiy. Here is a fine example from 1927. It shows (from the left) Karl Muck, directing assistant Luise Reuss-Belce ("Regieassistenz"), musical helpers Carl Gianicelli and Evelyn Faltis ("Musikalische Assistenz und Solorepetition") and the singer Franz Egenieff.

Karl Muck, Luise Reuß-Belce, Carl Gianicell, Evelyn Faltis, Franz Egenieff -- Stamp on the back: "Am Bühnenweihfestspielhaus in Bayreuth", dated: 1927

Kommentare:

  1. http://musiquevintage.blogspot.com/ proudly presents the return of Emilio's Blog in Jillem's blogroll! Greetings

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  2. Wonderful, dear Jillem! As I know, tons of downloads are waiting for me (even if I know and own parts of your repertoire yet) - so let's go to work!!

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  3. I truly enjoyed reading your Great article. Thanks for sharing! *GOD BLESS*

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  4. Great article and wonderful download! Thanks a lot!

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  5. Marvellous download, thank you Emilio. The thing which strikes me most about these recordings is the SPEED - they are all so much more relaxed than today's recordings, but that is not a bad thing! Secondly, a number are so much more delicate than today - the Entry of the Gods is far less bombastic than you normally hear. Great to have this alternative view of what Wagner 'should' sound like.

    Thanks again

    David

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