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Freitag, 2. September 2016

Der Tenor Robert Philipp (1852-1933)

Robert Philipp


Obwohl Robert Philipp (mit einem L und zwei P!) von 1890 bis 1930 an der Berliner Hofoper und dann Staatsoper sang, ist er dem heutigen Sammler nicht als herausragender Sänger in Erinnerung geblieben. Seine Tenorstimme war ein eher leichter Tenor, der seine besten Leistungen als Fra Diavolo, in Lortzings Opern und in Operetten erzielte. Unvergessen für die Geschichte der Oper ist er dadurch, dass er 1895 in der Uraufführung des Oper "Der Evangelimann" von Wilhelm Kienzl mitwirkte, die im wilhelminischen Deutschland sehr populär wurde und allein an der Hofoper in Berlin bis 1908 über 100 Aufführungen erlebte. Allerdings war für mich nicht herauszufinden, in welcher Rolle er in dieser Uraufführung sang. Die tenorale Hauptrolle des Matthias wurde von Eloi Sylva (1843-1919), einem belgischen Tenor, der keine Schallplatten hinterlassen hat, gesungen. Für Philipp blieben also bestenfalls die Rollen des Xaver Zitterbart (eine Tenorbuffo-Partie) und die kleine Partie des Hans, eines Bauernburschen übrig. Ich würde vermuten, dass er diese Rolle gesungen hat, weil er das Spottlied des Hans, die einzige Arie dieser Rolle, auch auf Schallplatte aufnahm. Die Arie des Matthias "Selig sind, die Verfolgung leiden", nahm er später, wie die meisten Tenöre seiner Generation, ebenfalls auf.











Schallplattenaufnahmen gibt es von ihm, in Anbetracht der langen Karriere, nur sehr wenige Sie sind nicht schlecht, aber auch nicht begeisternd. Ich muss gestehen, dass ich mich mit diesem Sänger hauptsächlich beschäftigt habe, weil ich mich für die Zeit der Berliner Hofoper vor dem ersten Weltkrieg sehr interessiere und sich bei mir viele Ansichtskarten mit Bildern von Robert Philipp angesammelt haben. Sie zeigen ihn in seinen erfolgreichen Rollen und manchmal mit berühmten Kollegen. Das machte mich neugierig auf Robert Philipp. Ich kann nun nicht sagen, dass ich enttäuscht bin, aber ich würde sagen, dass die Aufnahmen seine Wichtigkeit für die Berliner Oper nicht wiederspiegeln. Diese liegt wohl zum einen daran, dass er sehr lange dort gesungen hat und dann auch vielseitig einsetzbar war. Sein Timbre ist nicht sehr charakteristisch, Trotzdem wird er seine Bewunderer gehabt haben, wie die Menge der Ansichtskartenmotive zeigt. Später war er dann Spezialist für Nebenrollen. Ich möchte hier die Bilder zeigen und ein paar Aufnahmen von ihm vorstellen.


Robert Philipp als Fra Diavolo

Philipp, Robert, Tenor, * 21.11.1852 Offenbach a.M., † 12.8.1933 Berlin; er war zuerst Schauspieler und war als solcher seit 1870 am Walhalla-Theater, seit 1877 am Belle-Alliance-Theater in Berlin engagiert. Er wurde dann Operettentenor und trat 1883-83 am Wallner-Theater, 1884-87 wieder am Walhalla Theater Berlin auf. Bereits 1882 nahm er an einer Rußland-Tournee der Hasse-Operettengesellschaft teil. Er trat in dem Jahrzehnt 1880-90 auch am Berliner Friedrich-Wilhelm-Theater auf. Der Intendant der Berliner Hofoper Graf Hochberg veranlaßte ihn jedoch, sich dem Operngesang zuzuwenden. 1890 sang er aushilfsweise an der Berliner Hofoper den José in »Carmen« darauf wurde er Mitglied dieses Opernhauses. Vierzig Jahre hindurch ist er an der Hofoper (der späteren Staatsoper) Berlin geblieben; er erlangte als lyrischer Tenor in Berlin größte Beliebtheit und sang Partien wie den José in »Carmen«, den Wilhelm Meister in »Mignon« von A. Thomas, den Faust von Gounod, den Tamino in der »Zauberflöte«, den Don Ottavio im »Don Giovanni« und den Fra Diavolo in der gleichnamigen Oper von Auber. Er übernahm dann aber auch Partien aus dem Buffo- wie dem Charakterfach. Er sang an der Berliner Hofoper am 9.6.1894 in der Uraufführung der Oper »Angla« von F. Hummel, am 4.5.1895 in der Uraufführung der Oper »Der Evangelimann« von Wilhelm Kienzl, am 18.11.1898 in »Don Quixote«, am 28.1.1902 in »Heilmar, der Narr«, ebenfalls Opern von W. Kienzl, am 10.4.1900 in »Die Beichte«, wieder einem Werk von Ferdinand Hummel, am 27.3.1897 in »Enoch Arden« von Victor Hansmann, am 18.4.1899 in »Mudarra« von F. Le Borne, am 15.12.1904 in der (wenig erfolgreichen) Uraufführung von Leoncavallos »Der Roland von Berlin«, am 14.4.1905 in »Die Heirat wider Willen« von E. Humperdinck. Er gab Gastspiele an den Hoftheatern von Dresden (1900, 1903), Wiesbaden (1899), Weimar (1906), Schwerin (1897) und München (1916), an der Oper von Frankfurt a.M. (1902) und am Theater des Westens Berlin (1899, 1902). 1893 sang er am Hoftheater von Gotha in der Uraufführung der Oper »Die Rose von Pontevedra« von Josef Foerster. Er gastierte u.a. auch in St. Petersburg und Moskau, doch hatte er seine größten Erfolge in der deutschen Hauptstadt. Er war zeitweilig verheiratet mit der Sopranistin Marie Dietrich (1865-1940) die gleichfalls Mitglied der Berliner Hofoper war. Bis 1930 ist Robert Philipp an der Berliner Oper aufgetreten, zuletzt nur noch in kleineren Rollen. Er betätigte sich in Berlin auch als Pädagoge.

Seine lyrische Tenorstimme ist durch Schallplatten der Marken G & T (Berlin, 1904), Beka (Berlin, 1904), Lyrophon (Berlin, um 1908), Favorit (Berlin, 1904), Odeon (Berlin, 1905), Columbia (Berlin, 1904), Anker und HMV erhalten; auch Edison-Zylinder. Sang auf G & T in vollständiger »Fledermaus«- Aufnahme (1907).
[Lexikon: Philipp, Robert. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 19093 (vgl. Sängerlex. Bd. 4, S. 2728 ff.) (c) Verlag K.G. Saur]





Robert Philipp mit Rudolf Berger in "Der schwarze Domino" (Auber)

Robert Philipp mit Emmy Destinn in "Die Heirat wider Willen" (Humperdinck)
Diese Oper von Humperdinck wurde im April 1905, einen Monat vor dem Evangelimann, uraufgeführt. Auch hier war Philipp beteiligt, ebenso wie Rudolf Berger und Emmy Destinn. Es folgen nun vier Karten nach dem Motto: "Gleiche Pose, andere Rolle".

Robert Philipp als Tonio in "Die Regimentstochter" (Donizetti)

Robert Philipp in "Zar und Zimmermann" (Lortzing)
Robert Philipp in der "Zauberflöte"

Robert Philipp in der Oper "Das Heimchen am Herd" (Goldmark)

Zu den Aufnahmen

Die Aufnahmen meiner Playlist stammen alle aus der Sächsischen Landes- und Universitätbibliothek Dresden. In meiner Sammlung hatte ich keine einzige Platte von Philipp...
Seine Diskographie ist recht schmal, die meisten Titel sind selten. Am ehesten begegnet er dem Sammler als Eisenstein in der ersten kompletten Aufnahme der "Fledermaus" der Gramophone von 1907 sowie als Beppe in der Gesamtaufnahme des "Bajazzo" der Odeon von 1909. Ich hoffe, dass ich die beiden Gesamtaufnahmen eines Tages hier im Blog veröffentlichen kann.

Die Aufnahmen der Playlist geben einen guten Querschnitt durch sein Repertoire und seine Bandbreite.


Robert Philipp (1852-1933)

   1. Evangelimann: Selig sind, die Verfolgung leiden (Odeon 34505, Bx 967, 1905)

  2. Auftritt der Martha und des Mathias aus "Evangelimann" : Salve Regina / (Kienzl)    
            +Marie DIETRICH (Gram 044065, 187 s)

  3. Scene der Magdalena und des Mathias aus "Evangelimann" : Habt Dank auch / (Kienzl)
            + Ida von SCHEELE-MÜLLER (Gram. 044066, 188 s)

  4. Spottlied des Hans aus "Evangelimann": O Zitterbart, o Zitterbart (Kienzl)
            Zonophone X-22085, 12088 h

  5. Freischütz: Durch die Wälder, durch die Auen
            Odeon 34509, Bx 971

  6. Cantilene aus Carmen (Blumenarie) (Odeon 34506, Bx 968)

  7. Carmen: Hier an dem Herzen (Lyrophon 14186)

  8. Fliegender Holländer: Mit Gewitter und Sturm (Lyrophon 14196)

  9. Walküre: Winterstürme wichen dem Wonnemond (Odeon 34575, Bx 1082)

10. War einst ein junger Springinsfeld : aus "Waffenschmied" (Lortzing)
            Gramo 3-42796, 2905 r, 1907

11. Man wird ja einmal nur geboren : aus "Waffenschmied" (Lortzing))
            Gramo 3-42797, 2906 r, 1907

12. Lied des Marquis aus "Czar und Zimmermann": Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen          (Lortzing) Zonophone X-22684, 12087 u, 1907

13. Bajazzo Teil 18: Die Komödie der Columbine +Marie DIETRICH, Otto MARAK
            Odeon 76047, xxB 4589, IX. 1909


 DOWNLOAD MP3 Mediafire




Robert Philipp, Pressefoto von ca. 1919



Ich habe zwei Wochen in alten Musikzeitschriften zwischen 1899 und 1922 nach Informationen über Robert Philipp gesucht und bin nicht fündig geworden. Auch da bleibt er ein Sänger ohne Eigenschaften...

In einer 30 Jahre alten privaten Sammlerzeitschrift (STIMMEN, DIE UM DIE WELT GINGEN Nr. 9, 1985) fand ich aber ein Transkript eines Interviews mit ihm. Es stammt vom 04.III.1930 aus der Rundfunksendung "Funkstunde" und ist ausschnittweise festgehalten auf den beiden einseitigen 30cm-Platten RRG 436 und 437. Der Verfasser Hans Lahme bemerkt zurecht:

"Die Technik der Führung eines Interviews steckte damals wohl noch in den Kinderschuhen. Im Vergleich zur heutigen Perfektion  muss man aber den Mut des Sprechers bewundern, sich auf eine Live-Reportage offensichtlich ohne Absprache  und ohne Manuskript einzulassen. Im Protokoll wird versucht, die Stimmung der Aufnahme einzufangen, es ist nichts gestrafft oder geschönt. Wie aus den Lebensdaten her­vorgeht, war Philipp zur Zeit des Interviews 77 Jahre alt."

Aus dem teils chaotischen, teils nichtssagenden Gespräch geht hervor, dass er immer noch an der Oper aktiv war und ihm dies sehr wichtig für seinen Lebenssinn war, und dass seine Stimme in dem Alter noch weitgehend intakt war. Dies lag auch daran, dass er auf Partien wie den Lohengrin verzichtet hat. Ich gebe hier den Text der beiden Plattenseiten wieder, wie Hans Lahme ihn 1985 übermittelt hat.

Interview:   Kammersänger Robert  Philipp                              
H. Lenz      4.III.1930
Kapellmeister (Klavier) unbekannt

RRG 436

Gesang und Klavier: Wanderlied ( Komponist: Robert Schumann,
Worte: J. Kerner) ausklingend zum Schluß:
Ade nun ihr Berge, du väterlich Haus!
Es treibt in die Ferne mich mächtig hinaus,
es treibt in die Ferne mich mächtig hinaus.

Dreimal Beifallklatschen des Interviewers H. Lenz.

H. Lenz: Das war ja herrlich, Herr Kammersänger. Ich kann mir vor­stellen, daß alle Hörer jetzt in hellen Beifallsjubel aus... eh ... ausbringen wollen, die ru... und rufen: Da capo, da capo, noch ein Lied. Es ist unbedingt nötig, daß Sie noch etwas zum besten geben. Mit einem Gesang kommen Sie nicht davon. Wie wäre es noch mit einem klei­nen Liedchen? Na, sagen wir Schubert vielleicht. ... Sie werden doch irgendwie noch etwas gern singen ... möchten?

R. Philipp: Schubert ... gern zugeben für Sie, wenn es Ihnen an­genehm ist? '

H. L. : Aber sicherlich. Nicht mir, sondern allen den Hörern. Die werden sich freuen, noch ein Lied zu hören. Vielleicht. Bitte, Herr Kammersänger! ... Herr Kapellmeister!

Gesang und Klavier: Ungeduld (Komponist: Franz Schubert, Worte: W. Müller)

H. L. : Das war ja wunderbar. Da kann man nur sagen, Sie haben Ihre Zuhörer bezaubert. Aber wie ist es möglich, daß man bei diesem Alter noch diese Frische der Stimme hat, daß man nichts an der Routine verloren, noch ohne jede . .. ohne jedes Hindernis singt, wie ein Jüngling. Vielleicht erzählen Sie uus etwas über Ihre Gesangstechnik?

R. Ph.: Ach Gott, da laßt sich sehr viel sagen. Da möcht' ich ... mir ... he ... da möcht'ich doch nicht die ... gewisser­maßen ... eh ... irgendwie ... also ... ein wirklich ab­schließendes Urteil bilden ... Es ... Ich fühle mich nicht berufen dazu, muß ich ganz ehrlich gestehen.

H. L. : Ja, ich meine ... schlie... eh ... glauben Sie, daß Ihre Gesangstechnik nur auf eine Begabung oder nur auf Talent zurückzuführen ist? Oder gehört dazu auch tägliches üben, Immer wieder von neuem studieren, immer wieder sich be­mühen?

R. Ph.: Ach ja nun, das ist doch wohl selbstverständlich, nicht wahr. Ich meine, ... daß die ... daß ich die Stimme habe, das ist Gottes Gabe, das ist 'ne Begabung. Natürlich. Aber die muß auch natürlich durch Fleiß und Studium also auch gewissermaßen ausgemerzt (?) werden auch ... eh ... auch gefördert werden. Das versteht sich.


RRG 437

R.Ph,: Ich könnte auch ohne Arbeit gar nicht existieren. Ich glaube, wenn ich heute vom Theater abging, oder wenn ich heute nicht mehr singen könnte, ich glaube, ich würde ... sterben,

H. L. : Sind Sie bei diesen Proben zu Haus Ihr eigener Lehrmeister und Ihr eigener Kritiker?

R. Ph.: Das versteht sich. Gott sei Dank. Ja. Ich bin an mir der strengste Kritiker sogar. Es gibt keinen strengeren..

H. L. : Üben Sie es, wenn Sie einen Fehler bemerken, oder das Ge­fühl haben, daß es noch nicht ganz klappt, immer wieder, bis es klappt? Ich meine, am nächsten Tage?

R. Ph.: Aber selbstverständlich. Oh, selbstverständlich. Zum Bei­spiel seinerzeit, als ich den, den ... eh ... Faust hier im Opernhaus zum erstenmal sang ...

H. L. : Wann war das ungefähr?

R. Ph.: Na, das ist also ungefähr her, das sind ...eh... 15, das sind 15 Jahre her, da sang ich noch den Faust in Margarethe,

H. L. : Ja, ja ich weiß.

R. Ph.: Und diese Kavatine, die bekannte Kavatine ...

H. L. : Ja?
R. Ph. : ...die hab' ich wohl, ich möchte beinah sagen ... wohl ... stü... eh ... wohl täglich, täglich und täglich, täglich immer wiederholt, bis sie mir so in der, in der ... in der, in der Stimme lag, daß nichts mehr passieren konnte.

H. L. : Also, das Geheimnis, eine solche Stimme zu behalten und eine solche Stimme auch in ihrem Wert zu erhalten, liegt wohl darin, daß man immer wieder daran arbeitet, daß sie nicht zugrunde geht, daß auch nichts abfällt von dieser Stimme?

R. Ph.: Das versteht sich von selbst, denn ich möchte sagen, so­bald man also ruht und rastet, dann rostet natürlich die Stimme, das ist doch wohl ... das ist doch wohl ganz be­stimmt ... anzunehmen, meine ich.

H. L. : Ja.. Wenn Sie nun proben, welche Rollen oder überhaupt Lie­der ... suchen Sie sich das aus oder ...

R. Ph.: Ja, ja, ja, ja Gott.

H. L. : Haben Sie Ihre bestimmten Steckenpferde dabei?

R. Ph.: Ach Gott, ja Gott. Ich singe fast immer ... weil ich ohne Gesang gar nicht existieren kann. Ich singe alles natür­licherweise ... Allerdings im ... als Opernsänger habe ich mich allerdings gehütet, ...eh...eh... Opernpartien zu singen, die mir nicht ...eh... zukamen, die mir nicht lagen. Das war, glaube ich ...eh... hat man mir gesagt, das soll ganz klug gewesen sein von mir. Zum Beispiel ich wollte so furchtbar gerne mal den Lohengrin singen.

H. L. : Ja?

R. Ph.: Da hat man mir gesagt: Ach Gott, lieber Philipp, es gibt so viele Lohengrins, aber es gibt keinen, keinen Wilhelm Meister oder es gibt keinen guten ...eh... in Regiments­tochter, einen Tonio, oder, oder einen guten Fra Diavolo und so. Das ...eh... d... d...das habe ich sehr häufig hören ...eh... hören müssen. Aber der Lohengrin stak mir gewissermaßen doch so furchtbar in den Gliedern. Ich se... ich ... ich ... ich... ich... ich... interessierte mich sehr dafür. Das können Sie sich ja denken, weil es schön zu singen ist.

H. L. : Wir haben vorhin, Herr Kammersänger, von Lilli Lehmann gesprochen.

R. Ph.: Ja.

H. L. : Wie wäre es, wenn Sie so ein paar Erinnerungen zum besten geben würden von den Großen, die Sie auf Ihrem Künstler­weg angetroffen haben?

R. Ph.: Ja Gott, da ließe sich sehr viel allerdings sagen. Ja Gott, da ließe sich, Gott, die Großen alle. Na, da wäre zum Beispiel, also nicht wahr, der unvergeßliche Albert Niemann, nicht wahr.

H. L. : Haben Sie mit dem viel zusammen gesungen?

R. Ph.: Zusammen gesungen mit ihm nicht. Nein. Aber ich bin viel mit ihm zusammen ... -, denn als ich an die Oper kam, ging gerade Niemann ab. Ja.
Aber mit Franz Betz ..., dem Altmeister Franz Betz, mit Krolop und mit Paul Bulss und mit Knüpfer und mit all die­sen Leuten allerdings war ich zusammen und habe oft und viel mit ihnen zu tun gehabt.

H. L. : Haben Sie nur mit ihnen kollegial verkehrt, oder haben Sie auch von ihnen gelernt, daß Sie sich gesagt haben: Das kannst du dir annehmen, das mußt du dir zum Vorbild ma­chen?


R. Ph.: Das waren ja die besten Vorbilder, die es überhaupt gab. Vor allen Dingen waren sie sehr korrekte Sänger, die Men­schen, sehr korrekt. Und es kam auf den ... auch auf den Stil des Gesanges hauptsächlich an. Und ich möchte mir kein Urteil erlauben, wenn ich, wenn ich vielleicht so an­deute damit: Heute vermiß' ich so manchen Stil. Es wird so ganz anders so gesungen, doch so wie früher. Ich möchte natürlicherweise ...eh... möchte ich aber doch ...eh... befürworten ...eh... noch bemerken: Wir haben heute hier an unserem Opernhause außerordentlich gute, gute Sänger.


Diese Platte, die mich oft an Loriot erinnert hat, hätte ich gerne einmal gehört, aber ich bin schon sehr froh, dass der Wortlaut übermittelt wurde. Leider kann man sich den Gesang der Lieder nicht so gut vorstellen...

Robert Philipp mit Emmy Destinn in "Louise" von Charpentier.
Emmy Destinn war von 1898 bis 1908 Mitglied der Berliner Hofoper.


Above you find some photos of Robert Philipp and his colleagues from the Berliner Hofoper, where Philipp sang between 1890 and 1930. He was born in 1852 and started as an actor and then operetta tenor. In 1890 he sang Don Jose in Carmen as a guest at the Berlin Court Opera and then sometimes main roles like Faust, Tonio and Wilhelm Meister and the Mozart tenor roles. The most time he was also a reliable singer for the smaller roles. He took part in the premiere of "Der Evangelimann" by Wilhelm Kienzl in 1895 but only in a smaller role (Zitterbart or Hans. I could not find it out), even if he later recorded some scenes of the main role Mathias. His voice was fine, lyric and mobile, but of no special quality regarding the timbre. I came upon this singer because of the many photos of him I have collected and became curious about his voice. At the SLUB (Sächsische Landes- und Universtätsbibliothek Dresden) I found some of his recordings. There are not many recordings of him, regarding to the lenght of his career, and most of them are scarce. He also took part in the first complete recording of "Die Fledermaus" by the Gramophone Company 1907 as Eisenstein and in the complete Bajazzo made by Odeon in 1909. He was married to Marie Dietrich (1865-1940), who sang also at the Hofoper.

As Philipp to me comes up as a man and singer without special qualities, and also even the photos seemed stiff and expressionless to me, I have searched for sources about him in contemporary music magazines. I found no article or a even a mention or reference to him, but I found (from a privatre German record collectors journal called "Stimmen, die um die Welt gingen" (Voices that went around the world)) the transcript of an interview made by the Reichsrundfunk (broadcast) in 1930 when he was 77 years old. He was still singing in the studio on that recording (Wanderlied by Schumann and Ungeduld by Schubert), and this must have been rather good. The following interview is full of unintenional comedy and reminds me of some dialogues by Loriot. They talk past each other or fail to make a statement that the listener would find interesting. The most interesting things in the interview were, that he said that he thinks he will die soon if he stops singing at the opera (What he actually did later the same year and he died 3 years later with 80), that the interviewer is still enthusiastic about the freshness of his voice and that Philipp always dreamt of singing Lohengrin but renounced to do so because it could have impaired the health of his voice (even if he tried Siegmunds "Winterstürme" for the record.)

The late Lied recordings are not here for listening, but 13 other titles are, and so you can get an impression of this enduring and seemingly indestructible singer.





Sonntag, 24. Juli 2016

Die Lebensgeschichte von Bruno-Seidler Winkler (1880 - 1960)

Bruno Seidler-Winkler war ein universeller Musiker, der sein Leben hauptsächlich in den Dienst der Schallplatte gestellt hat. Am bekanntesten für Sammler wurde er dadurch , dass er zwischen 1903 und 1923 Aufnahmeleiter bei der Deutschen Grammophon war und bei unzähligen Aufnahmen der Klavierbegleiter oder Orchesterdirigent und Arrangeur des Grammophon-Orchesters war. Absolutes Gehör, Wendigkeit und blitzschnelle musikalische Auffassungsgabe sowie technisches Verständnis für die besonderen Bedingungen der Schallaufnahme zeichneten ihn aus und machten ihn zum universellen musikalischen Begleiter und Produzenten in der Frühzeit und Blütezeit der Schallplatte.

Bruno Seidler-Winkler
Vor einigen Jahren (ca. 2005 oder eher) erschien in Sammlerkreisen eine CD, auf der sein Sohn Ralph Winkler über das Leben seines Vaters erzählte. Obwohl ich diese nur als Kopie habe und das Original-Cover nicht kenne, möchte ich sie hier teilen, angeregt durch den Artikel meines Blog-Freundes Satyr (http://satyr78kl.blogspot.de/2016/06/bruno-seidler-winkler-1936-1939.html ).

Biographische Erzählungen sind nie objektiv, sondern beinhalten Geschichten, die der Erzähler nach seinem Erleben umgestaltet hat und die seiner Lebenswirklichkeit entsprechen. Auch die Erzählungen von Ralph Winkler enthalten Aussagen, die man hinterfragen kann und die nicht immer die ganze Wahrheit wiedergeben (können). Dennoch kann man einige Fakten zusammenstellen, die das Leben von Bruno Seidler-Winkler in den wichtigsten Umrissen erkennen lassen.

Bruno Seidler-Winkler wurde 1880 in eine kinderreiche Familie geboren. Sein Vater leitete das Seidler-Orchester (ein professionelles Klassik- und Unterhaltungsorchester) in Berlin und war Klavierstimmer. Bruno lernte bereites mit vier Jahren das Klavierspielen und musste schon früh durch Auftritte in Tanzlokalen etc. mit für das Familieneinkommen sorgen. Er arrangierte, spielte vom Blatt, transponierte vom Blatt und hatte ein Ohr für das, was klingt und wirkt. Früh arbeitete er bei der Edison-Gesellschaft, allerdings bestimmt nicht ab 1888, wie Ralph Winkler nahelegt, sondern vielleicht ab 1898 oder 1899. 1903 wechselte er zur Deutschen Grammophongesellschaft und wurde künstlerischer Direktor dieser Schallplattenfirma und damit verantwortlich für die künstlerische Seite der Aufnahmen unter Berücksichtigung der technischen Möglichkeiten. 1923, also in der Zeit der Inflation und Armut in Deutschland, wollte er zur Brunswick nach Amerika wechseln. Nach knapp zwei Jahren wurde er vertragsbrüchig und kehrte nach Berlin zurück, weil er den Posten des Chefdirigenten beim neugegründeten Rundfunk-Symphonieorchesters Berlin angeboten bekam (Funkstunde Berlin). Parallel arbeitete er für die Schallplattenfirma Tri-Ergon. 1933 nach dem Machtantritt der Nazis musste er den Posten aufgeben, weil er als Jude bezeichnet wurde. Ralph Winkler deutet an, dass ein paar jüdische Vorfahren im Stammbaum waren. Dass seine Entlassung hauptsächlich daran lag, dass er einen amerikanischen Wagen fuhr und gerne französische Instrumente verwendete, ist vermutlich eher eine schöne Legende von Ralph Winkler. So hatte BSW wohl ab 1933 Berufsverbot, bis ihn 1935 die Electrola, die in englischem Besitz war, als Dirigent und Begleiter einstellte. Hier arbeitete er auch mit dem Meister-Sextett, den Resten der aufgelösten Comedian Harmonists. 1943 endete kriegsbedingt die Aufnahmetätigkeit in Berlin, und er wurde zusammen mit seiner Frau kriegsdienstverpflichtet für die Truppenbetreuung. Ralph Winkler erzählt, dass er und seine Frau vierhändig für Soldaten Klavier spielten und andere Musiker und Sänger bei Truppenkonzerten begleiteten.
Nach dem zweiten Weltkrieg arbeitete er noch als Arrangeur beim RIAS Berlin und für die Rixdorfer Blasmusik, trat aber nicht mehr auf, weil sein Gehör stark gelitten hatte. 1960 erhielt er zum 80. Geburtstag das Bundesverdienstkreuz und starb wenige Wochen danach. Manches von seinem Charakter bleibt undeutlich, aber die Erzählungen seines Sohnes lassen doch manche Anekdote lebendig werden. Am Ende der CD werden noch zwei Aufnahmen mit Marcel Wittrisch vorgestellt, von denen er eine arrangiert hat..

Teile der Erzählungen von der CD sind abgedruckt auf der Website "Podium Wolfgang Wendel" (siehe hier). Die Bilder habe ich auch von dort kopiert. Ich hoffe, dass Herr Wendel nichts dagegen hat und empfehle das Studium seiner zahlreichen Beiträge über Musiker und historische Aufnahmen. Er bietet auch selbst produzierte CDs an, vor allem mit historischen Geigenaufnahmen von Vasa Prihoda und Georg Kulenkampff. Es ist möglich, dass die Ralph Winkler-CD von Herrn Wendel selbst herausgegeben wurde. Ich habe sie aber in seinen Verzeichnissen nicht gefunden, und es ist auch nicht zu erkennen, ob die Website in den letzten Jahren gepflegt wurde (die letzten angegebenen Termine sind von 2013).


Bruno Seidler-Winkler mit Frieda Hempel



"Mein Vater Bruno Seidler Winkler" - unknown interview CD with his son Ralph Winkler

(tracked and tagged by me)



DOWNLOAD MP3







Bruno Seidler-Winkler mit seinem Sohn Ralph


Here you can get an Interview CD (in German) with the son of Bruno Seidler-Winkler about his life and work. He also tells anecdotes about Richard Strauss, Marcel Witrisch and others. Among collectors BSW is known as the chief pianist, arranger and conductor of the Deutsche Grammophon Gesellschaft from 1903 until 1923, i.e. nearly the whole acoustic area. He participated in thousands and thousands of recordings and guaranteed the artistical quality of the recordings for the Deutsche Grammophon Gesellschaft. From 1925 until 1934 he worked for the German Broadcast as principal conductor of the Symphony orchestra. In parallel he recorded for the short-lived record company Tri-Ergon. Under the Nazis he lost the work at the broadcast (maybe because of some Yewish ancestors) and continued working for the Elctrola from 1935 until 1943 when due to the war recordings stopped. Until the end of the war he served as musical entertainer and accompanist for singers for concerts for soldiers. After the war he worked a few years as an arranger and retired, becaus his hearing was impaired. In 1960 he died.
You can hear him accompanying on nearly every acoustical German Grammophon record and on some late recordings in the blog of Satyr, whose article inspired me to look for informations about this recording pioneer and versatile musician. Hear him conducting music for the Olympic games, which were held in Berlin as a big Nazi propaganda event nearly exactly eighty years ago.

Satyr: http://satyr78kl.blogspot.de/2016/06/bruno-seidler-winkler-1936-1939.html

A blog where you can find some more photos and a few informations about the CD:
http://www.podium-wendel.de/222.html


Ralph Winkler, born 1924 in New York


Sonntag, 29. Mai 2016

Schellack im Web:Die Discography of American Historical Recordings (DAHR)


Rosalia Chalia (1864-1948)



Bei meinen Reisen durch die Welt des Internets stoße ich immer wieder auf wichtige Quellen für diskographische Angaben und auch auf historische Aufnahmen, die über die betreffende Website zugänglich sind. Auf solche wertvollen Seiten möchte ich in meinem Blog gerne hinweisen. 

So fand ich schon vor einiger Zeit die Encyclopedic Discography of Victor Recordings (EDVR) und wollte immer mal einen Artikel darüber schreiben. Sie brachte als Datenbank ein Verzeichnis aller akustischen und einiger elektrischen Victor-Aufnahmen und gab darüber hinaus die Möglichkeit, sich viele dieser Aufnahmen auch anzuhören. Als ich neulich wieder auf die Seite zugreifen wollte, stellte ich fest, dass es diese Victor-Diskographie so, wie ich sie kenne, nicht mehr gibt. Sie ist aufgegangen in einem größeren Projekt, der Discography of American Historical Recordings (DAHR), Die Vorteile blieben aber erhalten: neben den Angaben zu den Victor Matrixnummern (unter Heranziehung der originalen Aufnahmebücher) kann man Titel in voller Länge abspielen. Dazu sucht man am besten nach dem Künstler und bekommt dann eine Liste mit seinen Aufnahmen angezeigt, wobei auch angegeben ist, welche Titel man anhören kann. Wenn man auf eine Angabe klickt, kommt man auf eine Seite, die dann nur dieser einzigen Aufnahme gewidmet ist und alle veröffentlichten Bestellnummern, aufgenommenen Takes mit Datum sowie weitere Angaben aus den Aufnahmebüchern angibt. Dort findet man dann auch einen Flash-Player, über den man das Stück anspielen kann. Dieses Angebot besteht nicht bei allen Titeln, Manche Titel sind verschollen und in Sammlungen nicht zu finden. Andere sind noch nicht erfasst. Es bleibt zu hoffen, dass es im Laufe der Jahre immer mehr Sounddateien werden und dass man diese eines Tages auch kostenlos herunterladen kann.

Auf der neuen DAHR Website sind auch die Verzeichnisse der Aufnahmen von Brunswick, Columbia und Okeh, sowie die Angaben zu Berliner Records (1892-1900) in die Datenbank eingebettet. Das macht es schwieriger, einfach mal zu stöbern und zu blättern, und man muss sich immer wieder neue Suchanfragen ausdenken, um übersichtliche Verzeichnisse studieren zu können. Ich habe auch bei den neu hinzugekommenen Schallplattenmarken noch keine Aufnahme gefunden, die man hätte anhören können. Dies ist wohl geplant, aber noch nicht umgesetzt. Bei der Listung der Aufnahmen sind bislang vor allem die frühen Aufnahmen und Aufnahmen mit Populärer Musik erfasst. Ein paar Versuche ergaben z.B.: Sigrid Onegin oder Tino Pattiera, die beide Brunswick-Aufnahmen gemacht haben, sind nicht gelistet. Von Alexander Kipnis tauchen ein paar elektrische Columbia-Titel auf, von Ernst Wolff gar nichts. Dafür findet man, wenn man nach Francesco Daddi sucht, eine Liste mit 23 Victor-Titeln, ca. 90 Columbia-Titeln sowie 6 Grammophon- und eine Zonophon-Aufnahme. Von diesen  120 Titeln sind leider nur sieben Titel anhörbar, und zwar alles Victor-Aufnahmen.
Von Hulda Lashanska sind aus den Jahren 1916-1932 insgesamt 82 Aufnahmen gelistet, sowohl von Victor als auch von Columbia. Davon kann man jedoch keine einzige anhören. 

Fazit: Ein vielversprechendes Projekt, das weiter ausgebaut werden sollte und zumindestens was die Victor -Aufnahme angeht, unschlagbar ist in der Informationsfülle. Die Menge der auf der Website anhörbaren Titel ist noch deutlich steigerungsfähig!



So sieht die Seite aus! Allgemeine Informationen unter "Ressources", Zugriff auf die Datenbanken unter "Search"

Link: http://adp.library.ucsb.edu/index.php/resources


Wie ich bereits erwähnte, kann man die Titel nicht herunterladen. Man kann sie aber natürlich in Echtzeit aufnehmen, wenn der eigene Computer dafür eingerichtet ist (Mein neuester Computer hat eine ins Motherboard integrierte Soundkarte, die keine Aufnahme zulässt. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich ihn nicht gekauft...!).. Vor zwei Jahren habe ich mir die Mühe gemacht und ein paar frühe Victor-Aufnahmen meines Pseudonymgebers Emilio de Gogorza aufgenommen. Da es in meinem Blog möglichst zu jedem Artikel immer auch Musik geben soll, möchte ich diese hier teilen. 

De Gogorza war ein Pionier der Schallplattenaufnahme und von Anfang an bei Victor dabei. In der Datenbank gibt es 595 Einträge von ihm mit Aufnahmen zwischen 1900 und 1928. Davon sind z.Zt. 46 anhörbar. Ein oder zwei, die ich damals aufgenommen habe, sind nicht mehr dabei. Vielleicht werden sie irgendwann wieder freigegeben.

Man hört, dass das Vorbild von de Gogorza der Bass Pol Plancon war. Er singt wie dieser immer sehr kultivierte Linien und mit schönem Legato, ohne veristische Gefühlsausbrüche, Für die deutschen Leser hier noch die Auszüge aus dem Sängerlexikon:


Chalia, Rosalia, Mezzosopran/Sopran, * 17.11.1864 Havanna, † 16.11.1948 Havanna; ihr eigentlicher Name war Rosalia Herrera del Castillo; sie war die Tochter eines Großadmirals der spanischen Marine. Bereits mit acht Jahren begann sie zu singen, mit zwölf sang sie bei einem Empfang für den amerikanischen Präsidenten Grant. Sie studierte bei Sbriglia in Paris und bei Coronaro in Mailand. Noch ehe sie ihre Karriere aufnahm, heiratete sie und zog sich aus dem Musikleben zurück. 1894 schloß sie sich dann doch der Hinrichs Opera Company an. 1898 kam sie an die Metropolitan Oper New York, wo sie als Santuzza debütierte, aber sonst kaum in Erscheinung trat. (Sie sang dort einmal die Santuzza und einmal die Aida). Sie unternahm anschließend eine Tournee mit der Damrosch-Ellis Opera Company und trat 14 Jahre hintereinander an der Oper von Mexico City auf. 1900-08 leitete sie eine eigens von ihr zusammengestellte Operngesellschaft, mit der sie Kuba, Mexiko, Mittelamerika und Venezuela bereiste. Sie beherrschte rund 50 Partien sowohl aus dem Sopran- als auch aus dem Mezzosopran-Bereich. 1916 stand sie in Venezuela letztmalig auf der Bühne. Sie lebte dann in New York und machte sich um die Einführung junger spanischer und südamerikanischer Sänger in den USA verdient. 1947 kehrte sie in ihr Geburtsland Kuba zurück.

Sie gehört zu den ersten Sängerinnen, die Schallplattenaufnahmen gemacht haben. Bereits 1896 sang sie auf Bettini-Zylindern; 1900 entstanden Zonophone- Platten, seit 1901 Aufnahmen auf Victor, von denen die letzten 1913 erschienen. Alle zeigen eine hervorragend geschulte, warm timbrierte Sopranstimme von hervorragender Technik.
[Lexikon: Chalia, Rosalia. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 4107 (vgl. Sängerlex. Bd. 1, S. 613 ff.) (c) Verlag K.G. Saur]


de Gogorza, Emilio, Bariton, * 29.5.1872 Brooklyn/New York als Sohn spanischer Eltern, † 10.5.1949 New York. Er kam als Kind von zwei Monaten nach Spanien, erhielt teils dort, teils in Frankreich und England seine Erziehung. Er sang als Knabe im Choir of the Brompton Oratory in London und nach seinem Stimmbruch in St. George's in Windsor. Der Herzog von Norfolk riet dringend zu einem professionellen Gesangstudium, das er dann in Nordamerika absolvierte. Später war er noch in Paris Schüler des Pädagogen Bourgeois. In den USA studierte er bei Moderati und Agramonte in New York. Er debütierte 1897 in New York in einem Konzert, in dem auch die berühmte Primadonna Marcella Sembrich auftrat, die er dann als assisting Artist auf einer Tournee begleitete. Er wurde schnell als Konzertsänger in Amerika bekannt, vor allem aber durch seine vielen schönen Schallplattenaufnahmen. Lange Jahre war er der künstlerische Leiter der Victor Company (eines der größten Schallplatten-Unternehmen der Welt). Auf der Bühne ist er nie erschienen, angeblich weil ihn eine starke Kurzsichtigkeit beim Bühnenspiel behinderte. Einige Jahre war er seit 1911 mit der gefeierten Sopranistin Emma Eames (1865-1952) verheiratet, mit der ebenfalls ausgedehnte Konzertreisen unternahm. Insgesamt ist er in 17 großen Konzerttourneen in Nordamerika aufgetreten; er sang dort als Solist mit allen führenden Orchestern zusammen und stand im Mittelpunkt zahlreicher Musikfeste. Er ist bis in die dreißiger Jahre aufgetreten und war seit Mitte der zwanziger Jahre auch pädagogisch tätig. 1926-40 leitete er als Direktor die Gesangsabteilung des Curtis Institute of Music in Philadelphia. Zu seinen Schülern gehörten u.a. John Brownlee und Conrad Thibault. - Der Künstler besaß eine der schönsten Baritonstimmen seiner Zeit, sowohl durch ihre dunkle Tonfülle als auch durch ihre musikalische Aussagekraft ausgezeichnet.

Emilio de Gogorza gehört zu den Sängern seiner Epoche, die die meisten Schallplatten hinterlassen haben. Diese erschienen unter verschiedenen Künstlernamen; die erste Aufnahme auf Berliner Records bereits 1898 unter dem Namen E. Francisco. Als Carlos Francisco sang er auf Zonophone (1900-01), auf Climax (ca. 1901), auf Eldrige R. Johnson Records und auf Victor (1903-05); unter dem Namen Edward Franklin erschienen Aufnahmen bei Zonophone und auf der Marke Climax; als M. Fernand auf Eldridge R. Johnson Records und auf Victor, als Herbert Goddard auf den beiden gleichen Marken zu hören, unter seinem wirklichen Namen Emilio de Gogorza auf Victor; hinzu kommen (unter diesem Namen) Edison-Zylinder und -Platten. Seine Victor-Aufnahmen erschienen seit 1904, und seitdem exklusiv auf dieser Marke, bis 1928. Darunter finden sich Duette mit Emma Eames, Enrico Caruso, Marcella Sembrich und Tito Schipa. Erst viel später kam eine elektrische Aufnahme, das Lied »Voici que le printemps« von Debussy, zur Veröffentlichung.
[Lexikon: de Gogorza, Emilio. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 5439 (vgl. Sängerlex. Bd. 2, S. 816 ff.) (c) Verlag K.G. Saur]




Der junge Emilio de Gogorza (1872-1949)





Emilio de Gogorza - Early Recordings from the DAHR


  1. Don Giovanni: La ci darem la mano (Mozart), as Carlos FRANCISCO, with
      Rosalia CHALIA, Victor 3401 (no matrix), rec. 24.V.1901
  2. Serenata Aragomesa (unknown composer), as Carlos FRANCISCO, with
      Rosalia CHALIA, Victor 3403 (no matrix), rec. 24.V.1901
  3. Vivo e t'amo (Campana), as Carlos FRANCISCO, with Rosalia CHALIA
      Victor 3404 (no matrix), rec. 24.V.1901
  4. Carmen: Si tu m'aimes (Bizet), as Carlos FRANCISCO, with Rosalia CHALIA
      Victor 3406 (no matrix), rec. 24.V.1901
  5. Barbiere di Siviglia: Largo al Factotum (Rossini), as Signor Carlos FRANCISCO
      Victor 3056 (no matrix), rec. 22.I.1901
  6. The lost chord (Sullivan), as Signor Carlos FRANCISCO
     Victor 3057 (no matrix), rec. 22.I.1901
  7. Cancion National Chilena, as Signor Carlos FRANCISCO
      Victor 3266 (no matrix), rec. 12.IV.1901
  8. Martha: Canzione del Porter (Flotow), as Signor Carlos FRANCISCO
       Mx. B-1106 (Take 2), Victor 2708, rec. 11.III.1904
  9. Dormi pure, Romanza (Scuderi) , as Signor Carlos FRANCISCO,     
      Mx. B-1456, Victor 1343 (Probably Take 1; Take 4 from a later date was also 
      issued), rec. 6.VI.1904

From my own collection two more records, which just fit in well:

10. La Sevilliana (Yradier), mx. B-1764, Victor 4162, rec. 12.X.1904

11.  La Sonnambula: Vi ravviso (Bellini), as Signor FRANCISCO, Mx. B-1459, 
       Victor 1342, rec. 25.III.1902 

All recordings were issued as single sided 10 inch records (25 cm). Nos. 1-5 and 7, 9, 11 are with piano accompaniment, No. 6 is with organ and 8 and 10 with "orchestra".



DOWNLOAD MP3 256 KB/s


Emilio de Gogorza Victor 4162, Mx. B-1764, rec. 12.X.1904

Emilio de Gogorza as Sig. Francisco, Mx. B-1459, Victor 1342, rec. 25.III.1902



Sticker on the back of Victor 4162 - 1,00 Dollar each



In this article I recommend to you the Website of the Discography of American Historical Recordings (DAHR), which is the succesor to the old Encyclopedic Discography of Victor Recordings (EDVR). In the introduction they write:



Welcome to the Discography of American Historical Recordings (DAHR), a database of more than 130,000 master recordings made by American record companies during the 78rpm era. It is part of the American Discography Project (ADP)—an initiative of the University of California, Santa Barbara and the Packard Humanities Institute that is edited by a team of researchers based at the UCSB Library. The DAHR is an expansion of the Encyclopedic Discography of Victor Recordings (EDVR) database. It incorporates all the contents of the former EDVR database and adds previously published discographic works under license from various publishers, folding them into the search and display framework of DAHR.


Additional to the acoustic Victor matrix numbers there is also a database of Columbia, Brunswick, early Berliners (1892-1900) and Okeh. In the Victor section many or some, depending on your view, recordings are listenable in full lenght. I have recorded some time ago a few early recordings of Emilio de Gogorza, who is one of the recording pioneers of serious music, together with Rosalia Chalia and Ferruccio Giannini, the father of Dusolina Giannini. The playlist can be found above with a few recordings between 1901 and 1904, There are 588 entries for de Gogorza in the database, and you can listen to 46 of his recordings. As you can not download the titles, you must record them in real time - an exercise I undertook for a few titles whch I now share with you.

A biographical article of Emilio de Gogorza is on the Marston website (relaunch in new design!): http://www.marstonrecords.com/collections/singer/products/degogorza

For Rosalia Chalia, of whom you hardly can find some useable pictures in the web, there is also a Marston CD with a biographical article: http://www.marstonrecords.com/collections/singer/products/chalia 
Ward Marston writes: Chalia photos are extremely scarce. Despite efforts to find more photos, Marston has utilized all that could be located.

If you like to hear Ward Marston chat about Chalia (and see some photos of her), you can do it on Youtube: 

https://www.youtube.com/watch?v=emKuJbuP4jE
https://www.youtube.com/watch?v=W49CFni8wYI

The DAHR-website: http://adp.library.ucsb.edu/index.php/resources




Sticker on the back of Victor 1342, 60 cent each







Dienstag, 19. April 2016

Die Sängerin Charlotte Viereck (1877-1956) - Bilder aus ihrem Leben




Charlotte Viereck als Marschallin im Rosenkavalier, 1925 Staatsoper Dresden

Es zählt zu den herausragenden Erlebnissen eines Sammlers, wenn ihm exklusiv besondere Materialien über Künstler zur Verfügung gestellt werden. So erging es mir nach meinem Artikel über Charlotte Viereck, als mich die Urenkelin der Sängerin anschrieb und mir später umfangreiches Bildmaterial und Erinnerungen der Familie über die Künstlerin zur Verfügung stellte. Auch wenn sie aufgrund des zeitlichen Abstandes viele Fragen nicht mehr beantworten kann, ergeben sich doch neue Erkenntnisse und Informationen über die Sängerin. So kann ich nun einen Abriss über die Lebensgeschichte und das Wirken von Charlotte Viereck geben, wie er bisher noch nicht bekannt war. Leider besitzen die Nachfahren von Charlotte Viereck keine Tonaufnahmen mehr von der Künstlerin, so dass sich hier keine neuen Erkenntnisse ergeben. Dennoch kann ich die meisten der wenigen bekannten Aufnahmen in meinem Blog präsentieren. (siehe HIER ).

Frühzeit

Das Sängerlexikon geht davon aus, dass Charlotte Viereck um 1891 geboren wurde. In Wirklichkeit wurde Charlotte Pauline Louise Viereck aber bereits am 21.August 1877 geboren. Über die frühen Jahre ist nicht viel bekannt. Sie heiratete sehr früh Heinrich Kimpel. Ein Foto  von ca. 1899 zeigt sie als sehr junge und hübsche Frau mit ihrem Ehemann. Er hält in der Hand eine lange Tabakspfeife. Aus einer Aufschrift auf der Rückseite des Bildes geht hervor, dass er Architekt war.


Ehepaar Viereck-Kimpel ca. 1899

Das nächste datierte Foto stammt aus Potsdam von 1905.





Aus dem Sängerlexikon wissen wir, dass sie 1915 am Opernhaus in Posen debütierte und dort bis 1918 (nach den Fotos eher bis 1919) beschäftigt war. Warum sie erst mit 38 Jahren debütiert haben soll ist rätselhaft. Eventuell sang sie schon länger, vielleicht auch an einem anderen kleineren Opernhaus. Denn die Rollen, die auf den Fotos aus Posen dokumentiert werden, sind oft hochdramatische Partien - einer 38-jährigen angemessen, aber nicht einer unerfahrenen Sängerin.



Charlotte Viereck-Kimpel als Isolde in Posen 1918



Bildstudie: Kundry in Parsifal aus Posen 1919
Die folgenden beiden Bilder stammen nach den Vermerken auf den Rückseiten der Fotos aus der heute vergessenen "Fantastisch-symbolischen" Oper "Eros und Psyche" des polnischen Komponisten Ludomir Aleksander Różycki , die am 10.II.1917 in Breslau uraufgeführt wurde und wohl auch im gleichen Jahr in Posen gegeben wurde.



Charlotte Viereck-Kimpel in "Eros und Psyche" 1

Charlotte Viereck-Kimpel in "Eros und Psyche" 2

Die Zeit an der Dresdner Staatsoper (1919-1928)


1919 wurde Charlotte Viereck an die Dresdner Staatsoper verpflichtet. Wie aus ihrem Rollenverzeichnis hervorgeht, geschah dies zunächst als Gast und dann ab  dem 1.VIII.1919 offiziell als Mitglied der Oper. Zunächst sang sie als Gast die Leonore in Fidelio und die Amelia im Maskenball, dann regulär die Berthalda in Undine, die Donna Elvira im Don Giovanni und die Giulietta in Hoffmanns Erzählungen. Als vierte Rolle kam die Färbersfrau in "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss dazu.

Dazu ist zu sagen, dass die Oper von Strauss am 10. Oktober 1919 in Wien uraufgeführt wurde. Die Premiere in Dresden fand am 22. Oktober statt. Danach wurde die Oper in Dresden nur noch 2 mal, nämlich am 1. und am 3, November 1919 gegeben. Friedrich von Schuch schreibt dazu in seinem Buch "Richard Strauss, Ernst von Schuch und Dresdens Oper" (1951 bzw. 2. Aufl. 1953):

Bald nach Beendigung des Krieges, am 10. Oktober 1919 erlebte diese Oper (= Die Frau ohne Schatten) in Wien ihre glanzvolle Uraufführung, der am 22. Oktober 1919 die Dresdner Erstaufführung folgte, die allerdings unter einem ungünstigen Stern stand trotz ausgezeichneter Besetzung (Fritz Vogelstrom, Elisabeth Rethberg, Friedridch Plaschke, Eva von der Osten, Ottilie Metzger-Lattermann), da technische Schwierigkeiten nicht ganz zu überwinden waren. Strauss war darüber jedenfalls so verstimmt,, daß er sich zunächst völlig ablehnend verhielt, als im Jahr 1921 der neue Generalintendant (...) Dr. Reucker sich um die Uraufführung seiner nächsten Schöpfung bewarb. Es bedurfte langer zäher Bemühungen, um Strauss zu überzeugen (...) , daß Zwischenfälle wie bei der "Frau ohne Schatten"! ausgeschlossen  seien. (S. 123)

Charlotte Viereck war also bei der Besetzung der Erstaufführung nicht dabei und kann daher die Rolle der Färberin bestenfalls zweimal im November 1919 gesungen haben. Vielleicht hat sie die Rolle auch nur einstudiert und war die Zweitbesetzung, die wegen des Mißerfolges der Oper nicht mehr zum Zuge kam. Solange nicht die Programmhefte vom 1. und 3. November 1919 aus der Dresdner Oper auftauchen, kann man diese Frage nicht beantworten.

Fidelio 1919

1920 brachte für sie die folgenden Rollen: Leonore in Fidelio, Irene in Rienzi, Venus im Tannhäuser und die Senta im Fliegenden Holländer. Als weitere Wagner-Rolle gab es noch die kleinere Partie der ersten Norne in der Götterdämmerung. Hinzu kamen zwei Dresdner Uraufführungen von zeitgenössischen Opern, die heute vergessen sind. Am 23. Februar 1920 wurde "Der Fremde", eine "phantastische Oper" von Hugo Kaun in Dresden uraufgeführt, wo sie die Rolle der Godiva sang. Als zweite Premiere gab es die Oper "Schirin und Gertraude" von Paul Graener (Uraufführung am 28. April 1920), wo sie die Gertraude sang. Es ist möglich, aber nicht sicher, dass Charlotte Viereck jeweils in der Uraufführung sang. Das Sängerlexikon erwähnt sie nicht und gibt lediglich an:

Schirin und Gertraude von Paul Graener, 28.4.1920 Dresden mit Friedrich Plaschke • Eva Plaschke-von der Osten • Grete Merrem-Nikisch, Dirig. Fritz Reiner.
[Anhang: Opern. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 28643 (vgl. Sängerlex. Bd. 5, S. 0) (c) Verlag K.G. Saur]

Über die Oper "Der Fremde" findet sich kein Eintrag.

Irene in Rienzi



Im Jahr 1921 gab es die Rollen der Valentine in den Hugenotten, der Selika in der Afrikanerin, der Martha im Evangelimann, der Elsa in Lohengrin sowie als Reprise die der Berthalda in Undine. Hinzu kam die kleinere Rolle der ersten Dame in der Zauberflöte. 

1922 brachte die Rezia in Webers Oberon, die Senta und wieder die Erste Norne sowie die 1. Engelsstimme in Pfitzners Palestrina. Wenn in der Oper auch nicht viel zu tun für sie war, machte sie doch in diesem Jahr ihre erhaltenen Aufnahmen bei der Firma VOX, die es uns heute erlauben, einen Eindruck von ihrer Stimme zu bekommen. Diese Platten wurden allerdings erst 1924 und 1925 von der Firma VOX veröffentlicht.

Charlotte Viereck als Amelia in Verdis Maskenball 1


1923 sang sie die Martha in Eugen d'Alberts Tiefland, Irene in Rienzi, Venus im Tannhäuser, die Tosca sowie dei Königin in Marschners Hans Heiling. Ausserdem sang sie die Amelia im Maskenball. Eine weitere Angabe in ihrem Rollenverzeichnis für 1923 ist schwer lesbar. Es scheint sich auf eine Oper namens "Ipsar" von "Mruczek" zu beziehen - vermutlich eine der vielen heute vergessenen Erstaufführungen, die sich nicht halten konnten und über die ich kein Material fand.


Charlotte Vierck als Venus.
Auschnitt aus DIE MUSIK, März 1923

Als Amelia 2

Im Jahr 1924 gab es eine Neuauflage des Don Giovanni, wo sie diesmal die Donna Anna sang. Die Kostüme wurden vom Maler Max Slevogt gestaltet.

Charlotte Viereck als Donna Anna 1

Charlotte Viereck als Donna Anna 2 (1924)
In der Deutschen Fotothek finden sich einige Fotos der Bühnenbilder, darunter auch ein Bild von Charlotte Viereck als Donna Anna mit dem Tenor Max Hirzel als Don Ottavio aus dem ersten Bild.

http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/87601035


Ausschnitt aus: http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/87601035

Weitere Rollen im Jahr 1924 waren die Ortrud im Lohengrin (mit Friedrich Plaschke als Telramund), Senta, Fidelio, Martha im Evangelimann und Giulietta in Hoffmanns Erzählungen. Als neue Rolle kam die Santuzza in der Cavalleria Rusticana hinzu.

In einem der vorigen Jahre war die Ehe mit Heinrich Kimpel geschieden worden, und sie heiratete am 15.04.1924 in zweiter Ehe den Schauspieler Heinrich Bernecker. Die Ehe währte nur acht Jahre, weil Heinrich Bernecker am 13.12.1932 verstarb.

1925 sang sie nur noch zwei Rollen, nämlich die Santuzza in der Cavalleria und die Marschallin im Rosenkavalier. Offiziell schied sie zum 05. Juli 1925 aus der Dresdner Oper aus. Warum der Vertrag endete, kann man nur mutmaßen. Immerhin war sie 1925 bereits 48 Jahre alt, und es gab ein starkes Ensemble und damit eine große Konkurrenz in dem Fach, das sie gesungen hat. Mit Elisa Stünzner, Grete Merrem-Nikisch, Elisabeth Rethberg und der 1925 neu verpflichteten Meta Seinemeyer standen jüngere Sängerinnen bereit, die viele der Rollen von Charlotte Viereck auch im Repertoire hatten.

Immerhin wurde sie noch die nächsten drei Jahre öfters als Gast verpflichtet. Dies mag ein Hinweis darauf sein, welche ihrere Darstellungen besonders geschätzt wurden oder auch für welche Rollen keine adäquaten Sängerinnen aus dem Ensemble zur Verfügung standen. Die Marschallin im Rosenkavalier übernahm sie 1926, 1927 und 1928. Hinzu kamen 1926 und 1927 die Irene im Rienzi, 1927 die Amelia im Maskenball, 1927 und 1928 die Venus im Tannhäuser und die Senta im Fliegenden Holländer sowie 1928 die Tosca.

Dann unterrichtete sie noch am Dresdner Konservatorium eine Gesangsklasse, wie eine Konzertankündigung von 1930 zeigt.

Konzertprogramm Dresdner Konservatorium vom 20.März 1930 (Ausschnitt)

Irgendwann in dieser Zeit war sie Mitglied im "Berliner Oratorien-Quartett", vermutlich ein Zusammenschluss von Sängern, mit dem sie Soloauftritte in Konzerten bestritt. Wer die anderen Mitglieder waren, weiß ich nicht, Es kann auch sein, dass sie in dieser Formation in Konzerten aktiv war, BEVOR sie ihre Opernkarriere begann.

Berliner Oratorien-Quartett (vorne links Charlotte Viereck)







Charlotte Viereck, ca. 1930


Nach der Karriere (1932-1945)

1932 starb ihr zweiter Ehemann Heinrich Bernecker. Um diese Zeit beendete sie ihre Karriere und "erhielt (...) einen Ruf an den Sachsenhof in Bad Elster/Vogtland", wie ihre Enkelin schreibt. Sie fährt fort: "Der Sachsenhof war zu Friedenszeiten ein Hotel, wurde aber im Kriege, wie viele andere auch, ein Lazarett. Sie (=Charlotte Viereck) wohnte dort mit ihrer Mutter. Durch die Kriegswirren beschloss die Familie, dass wir, meine Mutter und ich, ebenfalls nach Bad Elster gehen sollten. (...) Meine Großmutter (=CV), ihre Mutter, meine Mutter und ich lebten nun ein bisschen näher zusammen im Sachsenhof. 1943 starb meine Urgroßmutter in ihrem 91. Lebensjahr. Nun - es war Krieg und es war alles nicht so einfach! Ich allerdings kann mich an eine spannende und interessante Zeit erinnern. Es war ja eine sehr ernste und schwierige Zeit, aber trotzdem oder gerade deswegen wurde bei uns viel musiziert, gelesen und gesprochen. Es gab schließlich auch einen herrlichen Bechstein-Flügel bei uns und meine Mutter (=CVs Tochter) war eine leidenschaftliche Buchhändlerin. Bei uns waren sehr häufig "tolle" Leute zu Gast."



Charlotte Viereck mit Tochter am Bechstein-Flügel, Aufnahmedatum ca. 1922



1934 im Sachsenhof mit Gästen. Charlotte Viereck im Fenster links, in der Mitte vermutlich ihre Mutter







1940 war der Sachsenhof bereits Lazarett oder Erholungsheim für Soldaten. CV in schwarzem Kleid mit Tochter, Enkelin und Kindermädchen und Soldat Geilsdorf



Heute ist der Sachsenhof eine Fachklinik


1945-1956


Die Enkelin schreibt weiter: " Und dann kam das Kriegsende! Ich erinnere mich sehr genau an den Einmarsch der Amerikaner. Aber die blieben nicht lang. - Die Russen kamen und blieben! und damit begann für unsere Familie eine Zeit, die noch ein bisschen schwerer zu meistern sein sollte. Wir wurden sozusagen aus dem Sachsenhof gejagt und bei Leuten, die uns nicht kannten, untergebracht. Das geschah ja damals viel. Wie wurden bei einer Großfamllie in einer Kellerwohnung einquartiert.
Den Flügel durften wir erstaunlicherweise mitnehmen, als eins der wenigen Stücke, die uns blieben überhaupt.Wie gesagt, der Flügel kam mit, fand aber nirgends Platz. So landete er erst einmal für längere Zeit hochkant in einem sehr schmalen Schuppen.
All diese Begebenheiten trugen dazu bei, dass meine Großmutter, mittlerweile 68 Jahre alt, krank wurde und oft ins Krankenhaus gehen musste. Schwierigere Operationen konnte sie das eine oder andere mal besser durchstehen dank ihrer lange erlernten Atemtechnik, die sie ja für ihren Beruf hatte erlernen müssen. Am 29.10.56 verstarb sie dann, allein lebend, in dieser Kellerwohnung."

Die Enkelin und ihre Mutter waren bereits 1947 nach Westdeutschland übergesiedelt. aber Charlotte Viereck konnte sich dazu zunächst nicht entschließen und konnte später nicht mehr ausreisen, weil Bad Elster im sogenannten Uran-Sperrgebiet lag, was wegen des Uranabbaus in der Nähe (für Atomwaffen) vom russischen Militär abgeriegelt war und wo Reisen und Kontakte besonders limitiert waren. So konnten die Enkelin und ihre Mutter auch nicht an der Beisetzung von Charlotte Viereck teilnehmen.



Charlotte Viereck, Altersbild

Das letzte bekannte Foto mit dem Maler Hermann R.O. Knothe aus Bad Elster (mit Widmung vom 29.III 1955 von diesem)

Sterbeurkunde von Charlotte Viereck und ihrem 2. Ehemann

Weitere Bilder kann man in meinem anderen Blog zu sehen bekommen. Dort werden sämtliche Bilder und Texte, die ich von der Familie bekommen habe und von denen hier nur eine Auswahl gezeigt wurde, vorgestellt. Außerdem findet sich dort ein komplettes Rollenverzeichnis, das sie einst für die Staatsoper Dresden erstellt hat. Die Links dahin (der Artikel wurde wegen der Länge in zwei Teile aufgeteilt):

Teil 1:
http://operaonpaper.blogspot.de/2016/04/materialien-und-bilder-zum-leben-der.html
Teil 2:
http://operaonpaper.blogspot.de/2016/04/materialien-und-bilder-zum-leben-der_30.html


Charlotte Viereck, 1920, als Godiva in Hugo Kauns Oper "Der Fremde"

Above you find the biography of the German singer Charlotte Viereck, which was assembled by me from materials which the granddaughter of her has sent to me. The complete photos with all the inscriptions on the backs are published in my other blog. Here you can find a complete list of her roles and dive even more deeper into the life of Charlotte Viereck. The links:

Part 1:
http://operaonpaper.blogspot.de/2016/04/materialien-und-bilder-zum-leben-der.html
Part 2:
http://operaonpaper.blogspot.de/2016/04/materialien-und-bilder-zum-leben-der_30.html